Norbert Kroó weiß, was er will: Geld, viel Geld. Das möchte er in die Forschung stecken, in Institute und Labore. "Wenn wir nichts tun, wandert die Arbeit nach Asien ab, die Forschung in die Vereinigten Staaten", fürchtet der Generalsekretär der ungarischen Akademie der Wissenschaften. "Was dann von Europa übrig bleibt? Eine übersubventionierte Agrarlandschaft als Touristenattraktion."

Kroó weiß auch, was dagegen helfen könnte: die Einrichtung eines European Research Council (ERC), ausgestattet mit Fördermitteln aus Brüssel. Der Ungar gehört einem internationalen Expertenkomitee an, das seit zwei Jahren über die Gründung einer solchen Organisation berät. Die Zeit drängt. Noch in diesem Jahr sollen die politischen Weichen gestellt werden. Nur, in welche Richtung?

Über zwei Dinge herrschte bei einem Treffen hochrangiger Forschungsfunktionäre aus 14 Ländern am vergangenen Montag in Berlin Einigkeit: Erstens muss der ERC her; zweitens war die Chance für seine Einrichtung nie größer als gerade jetzt. Darum häufen sich die internationalen Treffen zum Thema. In Brüssel wurden Europas Parlamentarier eingeschworen, in Dublin die Forschungsminister. In Berlin wollten die Forscher selbst dem ERC Kontur verleihen. Über die konkrete Gestalt gingen allerdings die Meinungen kräftig auseinander.

"Der ERC darf auf keinen Fall nach Brüssel", sagt Lord Robert May, Präsident der britischen Royal Society, "der Kopf darf kein Bürokrat, kein Apparatschik sein." – "Unabhängig muss er sein", sagt Ernst-Ludwig Winnacker, Kopf der Deutschen Forschungsgemeinschaft. "Er soll die Qualität von Forschung verbessern", sagt Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. "Er soll den Nachwuchs fördern", sagt Frederico Mayor, ehemaliger Unesco-Chef aus Madrid. "Er muss viele psychologische Barrieren überwinden helfen", sagt Erika Mann, Abgeordnete im Europäischen Parlament. "Er muss das Klima in Europa verändern", sagt der polnische Wissenschaftsminister Michal Kleiber. "Er kann nicht alle Probleme lösen, die wir hier diskutieren", sagt Wilhelm Krull, Generalsekretär der Volkswagenstiftung, der damit das eigentliche Problem benannt hat.

Die Grundlagenforscher Europas schielen nach Brüssel, denn die Europäische Kommission hat ihnen Geld versprochen. Das Geld akzeptieren die Forscher gern, die Brüsseler Bürokratie aber auf keinen Fall. Darum pochen gerade die Westeuropäer auf Unabhängigkeit und ein einziges Kriterium, nach dem das Geld verteilt werden soll: wissenschaftliche Exzellenz.

Doch werden dann die Esten, Ungarn oder Polen noch eine Chance haben? "Wie die Champions League den regionalen Fußballnachwuchs animiert, könnte ein ERC mit seiner europäischen Spitzenförderung auch den nationalen Wettbewerb anheizen", formuliert Lord May und löst damit die nächste Debatte aus. Auf Mobilität komme es an, sagt Peter Nijkamp, Vertreter der Niederlande. "Real Madrid ist nicht erfolgreich, weil die Madrilenen so gut Fußball spielen, sondern weil sie die besten Fußballer aus aller Welt anziehen konnten." John Marks von der European Science Foundation nimmt den Ball auf: "Das Beispiel Real Madrid zeigt aber auch, dass Spitzenleistung mit sehr viel Geld zu tun hat." Ins selbe Horn stößt auch Lord May – und entschuldigt sich mit einem ironischen Vergleich dafür, die Fußballmetapher ins Gespräch gebracht zu haben. "David Beckham wird auch besser bezahlt als andere. Gründen wir doch einfach die Beckham-Fellowships."

Forscherelite – dass dieser Begriff in Berlin nicht fällt, hat zwei Gründe: höfliche Rücksichtnahme gegenüber den Beitrittsstaaten, die zunächst einmal vieles nachholen müssen, bevor sie in der Oberliga mitspielen können, und die stille Erkenntnis, dass Elite in jedem Land etwas anderes bedeutet. Die Wissenschaftskulturen unterscheiden sich dramatisch. Schon an zentralen Begriffen – Was ist ein Projekt? Was ist best practice? Was bedeutet Evaluation? – scheitert die Verständigung.

So suchen einige Teilnehmer nach der europäischen Vision jenseits der nationalen Interessen, nach einem Zukunftstraum, der vielleicht am ehesten den Marseroberungsplänen des George W. Bush vergleichbar wäre. Zuvor aber hat Europa noch einige pragmatische Probleme zu lösen. In Lissabon und Barcelona hatten die europäischen Regierungschefs beschlossen, bis 2010 mindestens 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren. Das Ziel ist in weite Ferne gerückt. Polens Wissenschaftsminister Michal Kleiber will die Forschungsinvestitionen bis 2006 auf 1,5 Prozent verdoppeln. Italien wird die 1,5 Prozent mit Mühe bis 2010 erreichen – bei einem hypothetischen Wachstum von 8 Prozent. Da im europäischen Durchschnitt zwei Drittel der Forschungsausgaben aus der Industrie stammen, scheint der Einfluss der Politik ohnehin begrenzt.