Ich hasse diese Jahreszeit. Mehr Gartenfrust ist nie: Die in den ersten Wochen noch so erholsame Winterpause macht längst keinen Spaß mehr, und der Weg zum Frühling scheint noch immer endlos lang. Wenn es doch wenigstens Winter wäre, so einer wie im vorigen Jahr: knackig kalt, strahlend weiß, mit Eisblumen und vielen bunten Vögeln an den Hagebutten! Stattdessen herrscht zumeist die übliche norddeutsche Fünf-Grad-plus-Tristesse, angereichert vorzugsweise durch das, was der Wetterbericht gern als "Starkregen" bezeichnet, akzentuiert von Legionen mürrisch aufgeplusterter, mattschwarzer Amseln. Da helfen selbst beschwörende Zeremonien wie geduldiges Geräte-Ölen im Schuppen nicht weiter: Im Garten nichts Neues, und das noch grausam lange!

Für entzugsgeplagte Grünabhängige ist Lesen natürlich der Trost der Wahl, bloß die Lektüre der Wahl ist noch nicht da: die Gartenkataloge. Die sind ohnehin mit Vorsicht zu genießen, denn die geballte Versuchung kann den saisonalen Frust noch deutlich verstärken. Dann wären da diese reich bebilderten Prachtbände, Gartenfreunden gern zu Weihnachten verehrt. Aufbauend und wunderschön in Maßen, können sie in Überdosis sozusagen botanisches Sodbrennen verursachen, bis hin zur gereizten Frage: Gibt es auf anderer Leute Musteranwesen eigentlich weder Nacktschnecken noch nachbarliche Wäschespinnen, sondern nur unbegrenzte Ressourcen an Platz, Geld und Personal? Die Klassiker der Gartenliteratur, etwa Beverley Nichols, helfen da eher weiter, zumindest mit dem Trost, dass der Winterblues geteiltes Leid ist: "Die unumstößliche Kurve der Natur, die so tapfer ansteigt und so schmählich abfällt, hat für mich etwas Grauenerregendes. Ich wünschte, dass diese Kurve ständig anstiege. Ich will, dass mein Garten nie aufhört zu blühen. Der Gedanke ist mir unerträglich, dass er eine Stätte sein soll, die nur in den hellen Monaten bewohnt ist."

Ohne Schneeglöckchen wäre der Winter nicht zu ertragen gewesen

Nichols’ Ausweg aus der jährlichen Misere allerdings, die Kultur von Winterblumen, erwies sich für mich nur als begrenzt nachvollziehbar. Für einige, etwa die Zaubernuss, habe ich auf meinem Minigrundstück keinen Platz, andere, etwa Helleborus niger, die Christrose, finden das Klima der norddeutschen Tiefebene so Wellness-fördernd wie ich selbst und sehen entsprechend aus. Natürlich habe ich Schneeglöckchen, wie auch wäre ein Garten ohne sie zu ertragen? Seit ich verstanden habe, dass sie, statt als trockene Zwiebeln im Herbst, lieber direkt nach der Blüte verpflanzt werden möchten, habe ich sogar wunderbar viele. Doch selbst sie tun sich in diesem Winter schwer. Ein Einzelnes erblühte am ersten Weihnachtstag und blickte derart jammervoll aus der durchgeregneten Glocke, dass sein Anblick die Melancholie der Jahreszeit keineswegs milderte. Anders, immerhin, mein Winterjasmin am Spalier. Der war ein wahrer Lichtblick: sprühende gelbe Sternchen rund ums Nordfenster. Sie lebten nur nicht lange. Ein kurzer Frost verwandelte sie in ein bräunliches Memento mori unangenehm dicht am Wohnzimmer. Zumindest weiß ich jetzt, dass Winterblumen ein Versprechen sind, das selten gehalten werden kann. So werde ich mich einstweilen in mein Schicksal fügen müssen, vom Juni träumen und Äpfel mit den Amseln teilen. Das ist ja das Wunderbare am Garten: Es gibt immer Hoffnung. Der Winterjasmin hat doch noch ein paar unversehrte Knospen, und bald schon müssten endlich die ersten Kataloge kommen.