Als Brigitte Fassbaender ihre Karriere 1995 beendete, tat sie dies mit der schaurig-schönen Begründung, sie wolle nicht mehr, dass die Menschen so tief in sie hineinschauten - und etwas zu verbergen sei ihr singend mit den Jahren immer schlechter gelungen. Als würde der Sängerinnenkörper mit ebendiesen Jahren durchsichtiger, gläserner, ja als kompromittierte er am Ende den eigenen Herzensgrund. Der Umkehrschluss freilich, so nahe er liegt, will in diesem Fall nicht gelten: Auch die blutjunge Mezzosopranistin kannte zu ihrer Zeit keine der üblichen Posen oder Attitüden, hinter denen sich wohlfeil Kunst treiben ließ.

In der großen Ära der Fischer-Dieskaus, Preys und Schreiers, neben einer Christa Ludwig oder Janet Baker war Fassbaender stets die Ausnahmeerscheinung: unverwechselbar in ihrem lebenskräftigen, funkelnden Burgunder-Timbre, einzigartig in der glasklaren, sinnlich-stimmhaften Diktion, nicht zu bändigen in ihrer Gestaltungslust und -kraft. Dabei ist sie immer den Weg des Bekenntnisses gegangen. Sie war nie nur "objektiv", sondern hat im Lied wie auf der Opernbühne von Anfang an Partei ergriffen: für die verzweifelt Liebenden, die hoffnungslos Hoffenden, die tödlich sich Verzehrenden. Dieser Wagemut, dieses sprichwörtliche Sich-die-Brust-Aufreißen hat die Interpretin bisweilen angreifbar gemacht, das ging nicht selten auch und willentlich auf Kosten des Schöngesangs. Den Zuhörer aber zog und zieht es - wenn er es denn zulässt - bis heute wie magisch auf ihre Seite: als Mitliebenden, Mitleidenden, Mitstreitenden, als Mensch, der dem Menschen und also sich selbst in der Kunst begegnet.

Dreißig Jahre ist es her, dass Brigitte Fassbaender ihre erste Lied-LP präsentierte: Zigeunerlieder von Schumann, Liszt, Tschaikowsky, Dvorák und Brahms. Wenn die EMI diese Platte nun als CD wieder veröffentlicht (EMI 5 85303), dann erzählt das viel. Fassbaenders Farben, ihre Kunst der geradezu zärtlich nuancierten Wort- und Tonausdeutung (die grinsende "Falschheit" in Brahms' Da unten im Tale, die himmelsstürmerischen "A" in Liszts Oh! quand je dors), der heilige Ernst, in den sie jeden noch so artifiziellen, noch so affektuösen Zigeunerschmalz hüllt - dies alles besitzt nicht nur Gültigkeit, sondern scheint unübertroffen, nach wie vor. Weil Fassbaender singt, als würde sie bloß sprechen. Im Unprätenziösen, in der unbedingten Natürlichkeit, in der Deutlichkeit liegt bei ihr das ganze Drama. Und alle Romantik. Und der Eros, die Erotik jeder Innenschau.