Im Zürcher Oberland geht es an diesem Morgen sehr langsam um Schnelligkeit. In einem drei Meter hohen Raum, in einem 70 Millionen Schweizer Franken teuren Gebäude, liegt ein Mann auf dem Bauch und bewegt seine Finger über die Tastatur eines Laptops. Er steht auf. Zieht ein Kabel aus einem Stahlarm, der von der Decke hängt. Kniet sich hin und tippt wieder etwas auf der Tastatur. In zwei Wochen soll an diesem Stahlarm das Modell eines Rennwagens hängen, des Sauber C23, und zum ersten Mal den Turbinen im modernsten Windkanal der Motorsportszene ausgesetzt werden. Auf dem Bildschirm seines Rechners werden dann sehr viele Daten erscheinen. Er wird versuchen, aus ihnen herauszulesen, ob er am Heck noch ein paar Quadratzentimeter Kohlefaser umformen soll. Oder am Außenflügel.

Hier, im Windkanal des Formel-1-Rennstalls Sauber-Petronas, im schweizerischen Hinwil, 20 Kilometer südlich von Zürich, jagen die Techniker nach Sekunden. Still und langsam. Wenn an diesem Sonntag in Australien die Formel-1-Saison 2004 beginnt, wird sich zeigen, ob sie erfolgreich waren. Dann jagen die Fahrer nach Sekunden. Laut und schnell.

Der kleine Mann mit Halbglatze, der in Hinwil im Gebäude neben dem Windkanal arbeitet, ist seit 34 Jahren dabei. Peter Sauber, 60, hat in dieser Zeit schon viele Leute darüber lächeln sehen, dass er es von der Schweiz aus tut.

"Wir arbeiten am Limit"

Denn noch immer ist England so etwas wie ein Synonym für die Industrie der Schnelligkeit, für die Branche hinter der Formel 1 und dem Motorsport überhaupt. Die Orte, an denen Schnelligkeit produziert wird, heißen Milton Keynes, Oxfordshire, Silverstone. Außer Sauber, Ferrari, Toyota und Minardi bauen alle Rennställe ihre Wagen zumindest teilweise dort. Um sie herum hat sich eine ganze Zulieferindustrie angesiedelt, die jedes Jahr technische Innovationen liefert. Innovationen und wie sie entstehen, darüber können die Macher der Formel1 viel erzählen.

Peter Sauber, Gründer und Präsident der Sauber Motorsport AG, sitzt trotzdem in Hinwil, weil hier alles begonnen hat und dann langsam immer größer geworden ist. 1970 hat er seinen ersten Rennwagen gebaut. 20 Jahre später baute er schon nicht mehr selbst, hatte aber mit Mercedes den richtigen Partner, um hier ein Auto bauen zu lassen, das die 24 Stunden von Le Mans gewann – und die Sportwagen-Weltmeisterschaft. 1991 wollten Peter Sauber und Mercedes dann zusammen in die Formel1. Als sich Mercedes kurzfristig zurückzog, tat Peter Sauber den Schritt allein. Hinein in etwas, das man ein großes Spiel nennen könnte und von dem er sagt, dass es eigentlich zu groß für ihn sei. Er sagt: "Es ist ein Kampf der Giganten."

Sieben Autokonzerne drängen sich momentan in der Formel 1 – so viele waren es nie. Peter Saubers Rennstall ist einer der letzten privaten Ställe, und trotzdem hat er in der Konstrukteurswertung der vergangenen Saison den sechsten Platz belegt. Peter Sauber sagt, das reiche nicht. Und dass er an seine Zukunft in der Formel1 glaube. Er sagt aber auch: "Wir arbeiten am Limit."

Ein paar Türen weiter sagt ein drahtiger Mann mit einem großen Schnauzer, dass er das brauche. Am Limit zu arbeiten, immer. Erich Rüegg, 44, Betriebsleiter bei Sauber, ist vor ein paar Jahren mal "in die normale Industrie" gewechselt. Nach drei Monaten war er zurück. Er sagt: "So was kann ich noch machen, wenn ich älter bin." Während Erich Rüegg darüber redet, bleiben noch zwei Wochen bis zum Saisonstart, laufen gerade in Imola die letzten Tests mit dem C23. In zwei Tagen kommt der Wagen zurück, wird komplett zerlegt, um die letzten Teile ergänzt, zwei Tage später geht die Fracht nach Melbourne. In Hinwil bleibt in diesen Tagen nicht viel Zeit zum Reden.