Ein Grauschleier liegt über Deutschland. Eine Mattigkeit der Stimmung, ein Gefühl von Endzeit, und das, wo der gewaltigste Umbau der Republik ansteht, die Neuerfindung des Sozialstaates. Bange Frage: Für wen? Im Gerangel um die letzten Sicherheiten ist eine mentale Schwäche spürbar, als wären wir im Zeitraffertempo schon zu jenen Greisen geworden, deren Nahen uns die Demografen prophezeien, in einer Gesellschaft ohne Perspektive jenseits der letzten Lebensphase. Ein Land, in dem, binnen der Lebenszeit unserer Kinder, sich die Bevölkerung halbieren wird und Jugend eine Randerscheinung ist. Zukunft? Eine schrumpfende Veranstaltung.

Ein wenig Zerknirschung ist da. Wie konnten wir übersehen, über Jahrzehnte, dass jede Generation von Kindern so viel kleiner ausfiel als die vorherige, um ein Drittel, um ein Drittel, um ein Drittel? Dass sich die Straßen von Kindern entleerten, wir in Unternehmen arbeiten, in denen ganze Belegschaften ohne Kinder sind? Eine Kindvergessenheit hat uns die Sinne benebelt. Das wurde nirgends so deutlich wie in der Reformdebatte. Die Krise der Krankenkassen und der Renten, das Debakel der Pflegeversicherung, die Unfinanzierbarkeit von Millionen, die nicht in Arbeit sind – alles haben wir diskutiert und uns dabei im Kosmos der Erwachsenen um uns selbst gedreht. Unser Arbeitslosengeld, unsere künstliche Hüfte, unsere Renten! Aber wo blieben jene, an die wir unsere Ansprüche zu richten gedenken, die Zwangsverpflichteten, unsere Kinder?

Kinder waren kein Thema, selbst als klar wurde, dass die neuen Sozialhilfegesetze eine halbe Million von ihnen in die Armut treiben würden, ausgerechnet, wo der typische Sozialhilfeempfänger heute schon acht Jahre jung ist, das Kind einer Alleinerziehenden. Kinder wurden übersehen von jenen, die eine Steuerreform ausklügelten, die Familienhaushalte in nicht wenigen Fällen um Hunderte von Euro im Jahr erleichtert – und dieses Geld umleitet in die Taschen von Alleinstehenden, ohne dass je das böse Wort von der Transferleistung fiele, das bei der Familienförderung oft bemüht wird. Kinder kamen nur vor als "demografischer Faktor", in der Rentenanpassung. Als ließe sich irgendetwas anpassen, wenn in wenigen Jahrzehnten 16 Millionen weniger Menschen erwerbstätig sind – keine Arbeitslose, sondern Leute, die es nicht gibt – und gleichzeitig 10 Millionen mehr Ältere zu versorgen sind. "Glückliches, bügermeisterlich gehäbiges schneckenhaft träges Vaterland!", möchte man mit Heinrich Heine ausrufen, voller Spott, oder: in Verzweiflung.

Die Kindvergessenheit ist Ursache und Symptom einer Schwäche, der Zukunft ins Auge zu sehen und sie zu gestalten. Wir reden von Überalterung statt von Kinderlosigkeit. Mancher Statistiker träumt, eine Steigerung der Produktivität von 84 Prozent gleiche den Kindermangel aus. Eine Ministerin sinniert, ob zusätzliche 2,50 Euro pro Monat für die Pflegekassen nicht ein Ausgleich seien für die Erziehung eines Kindes. Jeder Unsinn scheint erlaubt, um ja nicht zuzugeben, dass es ohne Kinder nicht geht, um abzuwenden, dass wir unser Leben und unsere Politik radikal ändern müssen.

Die Vorstellung, man könne sich ohne Kinder einrichten, möchte man komisch finden, wäre sie nicht so absurd. Ohne Kinder! Da verrät sich die Selbstüberschätzung einer Gesellschaft, die nicht reif genug ist, sich als Glied eines Generationenzusammenhangs zu begreifen. Man ist versucht, es Abwehr zu nennen – wenn unsere Elite, deren Eingangsqualifikation zunehmend die Kinderlosigkeit ist, wenn die Merkels, von Beusts und Schröders, die Sagers, die Westerwelles alles für wichtig halten, nur die Kinderlosigkeit nicht. Es ist nur folgerichtig, dass eine Gesellschaft, die versucht, sich ohne Kinder zu denken, nicht über den eigenen Schatten und den kommenden Tag hinaus organisieren kann – und sich das schon gar nicht mehr zutraut. "Eine Gesellschaft, in der immer weniger Kinder geboren werden, zeigt einen eigentümlichen Mangel an Zuversicht", so sagt es der Berliner Bischof Wolfgang Huber. "Der Mut zu Kindern und der Mut zur Zukunft sind miteinander verknüpft. Die Tatsache, dass Deutschland in dieser Hinsicht unter 190 Ländern weltweit auf Rang 185 steht, schreit irgendwie zum Himmel." Es schreit aber niemand. Wo Kindsvergessenheit herrscht, ist schon Grabesruhe. Ach, würde jemand die Fanfare heben oder nur, wie Ludolf Wienbarg einst schrieb, "statt frömmelnd die Augen zu verdrehen, im Protestieren sich üben…"

Wienbarg war, wie Heine, ein Vertreter des Jungen Deutschland. Das Junge Deutschland steht für Aufbruch. Der Begriff führt uns in eine Epoche, da Europas alte Ordnung erschüttert wurde vom Aufbegehren der jungen Kräfte, 1830, Revolution in Paris, zum Takt von Aux Armes, Citoyens! Es ging um die Moderne. Um Zukunft! Es war ein gieriges Verlangen nach dem Sieg der Vernunft. Das Junge Deutschland wollte die überkommenen Politik- und Lebensmodelle abräumen: Gäbe es ein besseres Vorbild für ein neues Projekt Junges Deutschland?

Ein Projekt Junges Deutschland bedeutet: Bevölkerungspolitik. Bevölkerungspolitik heißt, den Menschen offen zu sagen, dass wir mehr Kinder brauchen – und zu diesem Zweck alle Kräfte bündeln müssen. Keineswegs geht es nur um Betreuungsplätze. Ein solches Projekt verlangt vernetztes Denken, es erfordert, lieb gewonnene Gewohnheiten zu überprüfen – vom Glauben, dass es Mittagsruhe geben muss, auch für Schulkinder, die gerade fünf Stunden stillsitzen mussten, bis zur Ansicht, dass wir erst Eltern werden, wenn unser Arbeitsplatz gesichert ist. Vom Vorurteil, dass es den Kindern nicht schadet, wenn Väter nur an Wochenenden vorkommen, bis zur Einstellung, dass fitte Senioren eine jahrzehntelange Urlaubsphase genießen können, ohne Verpflichtungen für die Gesellschaft, die sie unterhält. Es muss das Thema Jugend dorthin rücken, wo es hingehört: in das Zentrum aller Reformen.

Mehr Kinder, das macht allerdings nur Sinn, wenn wir ihnen alle Chancen bieten. Nicht wegen unserer Rente – sondern für sie, die Kinder. Noch einmal Heinrich Heine: "Das Leben ist weder Zweck noch Mittel, das Leben ist ein Recht. Das Leben will dieses Recht geltend machen gegen den erstarrenden Tod, gegen die Vergangenheit, und dieses Geltendmachen ist die Revolution." Das mag ungewohnt schwungvoll klingen in Zeiten des politischen Talkshow-Gelabers. Aber mit einem "Dies ist ein erster Schritt" muss Schluss sein, wenn wir der Jugend auf gleicher Augenhöhe begegnen wollen, wie es Bürgern desselben Landes geziemt.