Führer des Elends

Pjöngjang

Eine Reise in die Vergangenheit ist der Flug von Peking nach Pjöngjang allemal. Wo gibt es das noch im Global Village, dass ein Land sich nur zweimal die Woche und dann auch nur mit den altmodischen Tupolews der Koryo Air erreichen lässt?

In diesen Tagen, vor dem großen Feiertag der Nordkoreaner, dem 62. Geburtstag des "geliebten Führers" Kim Jong Il, kommt eine Schreckensnachricht von den Vereinten Nationen: In Nordkorea leben vier Millionen Bedürftige. Von ihnen konnten 2,7 Millionen bereits im Januar nicht mehr versorgt werden. Das UN-Welternährungsprogramm (WFP) hatte um 171 Millionen US-Dollar gebeten, um 485 000 Tonnen Getreide zu kaufen. Davon wurde nur ein Teil zugesagt. Das Berliner Entwicklungshilfeministerium hat spontan 1,5 Millionen Euro für das WFP und weitere 1,5 Millionen Euro für deutsche Hilfsorganisationen zugesagt.

Grollend hatte Heidemarie Wieczorek-Zeul dieser guten Gabe zwei scharfe Sätze hinterhergeschickt. Schuld an der Hungersnot trage das "stalinistische Regime in Nordkorea". Es betreibe eine Politik, die billigend in Kauf nehme, "dass es Millionen von Menschen am Allernötigsten fehlt". Damit hat die Ministerin genau das gemacht, was die humanitäre Hilfe traditionell zu vermeiden versucht: die Frage zu stellen, wer an dem Desaster die Schuld trage. Aber ist die Frage ganz zu vermeiden?

Wir beginnen unsere Reise am Thongil-Markt, dem vom Regime geduldeten Bauernmarkt mitten in Pjöngjang. Es herrscht ein Treiben wie auf dem persischen Basar. Doch schaut man genauer hin, entdeckt man die vielen Polizisten unter den drängelnden Massen von Käufern. Unser Dolmetscher weiß nicht mehr so recht, ob er uns diesen Markt zeigen darf oder nicht. Er hat diese Angst, die so viele Menschen in Nordkorea haben. Eine fast religiöse Angst.

Den Machthabern ist etwas gelungen, was bisher wohl kein Regime der Neuzeit geschafft hat: Sie haben eine Religion aufgebaut - eine nationale Staatsreligion. Im Mausoleum des 1994 gestorbenen Staatschefs Kim Il Sung gehen die Menschen wie unter der Kreuzwegliturgie der Katholischen Kirche.

Viermal verneigen sie sich vor dem Sarkophag. Das Land ist zu einer Polit-Theokratie erstarrt, die sich mit Waffenhandel Devisen verschafft. Die Bevölkerung leidet derweil Hunger. Wir sehen Menschen in der Hauptstadt mit einer kleinen Sichel den Rasen abmähen, um daraus Grassuppe zu kochen. Andere fischen Seegewächse und Algen aus dem Taedong-Fluss oder dem Meer bei Nampo, um sie zum Verkauf anzubieten. Seit der Preisfreigabe gibt es Kioske, die alle möglichen landwirtschaftlichen Produkte feilbieten. Gibt es einmal einzelne gekochte Kartoffeln, verzehren die Menschen sie gierig an Ort und Stelle.

Führer des Elends

Kim befiehlt: 5000 Ziegen!

Das Land wird auf eine betörend naive Weise über Führerbefehle regiert, die gläubig und blind befolgt werden. Wir erleben das in einem Vorzeigeprojekt in Kyenam-Ri in der Provinz Süd-Hwanghae. Dort gibt es eine riesengroße Viehfarm, die der "geliebte Führer" zuletzt am 17. Juni 2003 besuchte. Sein Befehl lautete damals: Die 3000 Ziegen sind nicht genug, es sollen 5000 werden - außerdem 2300 Schweine, 10 000 Kaninchen und ebenso viele Hühner.

Alles jedoch, was wir von der Straße aus zu sehen bekommen, sind verdächtig stille Viehhallen, aus denen kein Laut von Ziegen oder Schweinen dringt. Auch Kühl- oder Milchtransporter suchen wir vergeblich.

Später werden wir in das Hospital Nr. 1 von Haeju geführt. Jetzt, im Winter, werden die Patienten in dem 300-Betten-Krankenhaus nur ambulant behandelt, ohne Heizung ist es zu kalt zum Übernachten. Wir bieten an, das Haus mit Biogas- und Solaranlagen auszustatten. Die einzige Bedingung: Die vier deutschen "Grünhelme" müssen in dem Hospital wohnen und ohne Geheimdienst-Aufpasser arbeiten können. Noch ziert sich Pjöngjang. Aber wir spüren: Der Widerstand lässt nach. Im Grunde will man das Projekt.

Das Regime hat es schwer, Reformen anzugehen - ein Gottesherrscher kann keine Fehler zugeben. Und dennoch gibt es keine Alternativen zu einer Politik des slow landing oder - mit Egon Bahr ausgedrückt - des "Wandels durch Annäherung". Die Vereinigten Staaten können Nordkorea nicht in die Zange nehmen wie den Irak. Da steht China vor. Peking fühlt sich in der Pflicht, Nordkorea nicht implodieren zu lassen. Ganz ähnliche Sorgen macht sich Südkorea. Deshalb wird es zu einem Angriff auf das Land nicht kommen können.

Slow landing. Diese Politik besagt: Versuchen wir die äußerste Verarmung und Verelendung abzuwenden, um einen Zusammenbruch des Landes zu vermeiden und den Weg zur Wiedervereinigung der beiden koreanischen Landeshälften zu befördern. Erste Anzeichen einer Öffnung gibt es. Die in Japan lebenden Koreaner bringen viel Geld ins Land. Handys (freilich nur für die Kommunikation innerhalb Nordkoreas) sind zu sehen. Fiat bringt jeden Monat 200 Autos eines Typs in das Land, den die italienische Firma anderswo nicht verkaufen kann. Die Autos werden in einer Fabrik zusammengeschraubt, die von der Moon-Sekte gesponsert wurde.

E-Mails gegen das Betonregime

Führer des Elends

Merkwürdige Dinge geschehen in diesem Land. Deutsche Arbeit und deutsche Verlässlichkeit sind willkommen. Das Büro der Deutschen Wirtschaft wurde 2000 aufgelöst, aber Günter und Barbara Unterbeck, wohl die besten Kenner des Landes seit DDR-Tagen, sind im Lande geblieben. Im Februar haben sie ein Online-Projekt gegründet, das sich auf E-Mail-Abonnenten stützt. Aber: Wird das Betonregime in Pjöngjang es zulassen, dass man über Internet Zugang zur feindlichen Außenwelt bekommt?

Bei unserem Besuch streifen wir auch die Nuklearanlage Yongbyon, in der angeblich Plutonium für Atomwaffen gewonnen wird. Dass Nordkorea seit langem nach der Bombe strebt, ist bekannt, und die bisherige Sechser-Diplomatie hat außer einer Vertagung der Abrüstungsgespräche nichts erreicht. Einer der Gründe dafür ist die Angst vor einer Einkreisung durch die USA. Wenn es einen für die Lösung der Krise auf der koreanischen Halbinsel verhängnisvollen Satz gegeben hat, dann war es das Wort von Donald Rumsfeld und Dick Cheney: Amerika könne auch zwei Kriege gleichzeitig führen.

Rupert Neudeck, Gründer des Komitees Cap Anamur, schuf mit jungen Christen und Muslimen die Hilfsorganisation Grünhelme