Zweimal pro Sekunde weiß wieder jemand Bescheid. Wird der Ratenkredit oder die Baufinanzierung genehmigt? Bekommt der Käufer die Ware auf Rechnung oder per Nachnahme? Wird der neue Handy- oder Stromkunde angenommen oder abgelehnt? Mit mehr als 65 Millionen Bonitätsauskünften pro Jahr liefert die Schufa die Daten für diese Entscheidungen. Auf den Rechnern des Unternehmens befinden sich Bonitätsdaten von 59 Millionen Bundesbürgern – keine andere Auskunftei weiß so viel über das Zahlungsverhalten der Deutschen. Angesichts dieser Zahlen fragt sich so mancher mit Unbehagen, was die Wiesbadener Datensammler wissen, an wen sie ihre Daten weitergeben – und wem die Schufa eigentlich gehört. DIE SCHUFA-KLAUSEL steht in jedem Kreditvertrag

Interessanterweise wurde sie nicht, wie häufig vermutet, auf Initiative der Banken gegründet. Die Idee kam dem Berliner Stromversorger Bewag im Jahre 1927. Das junge Unternehmen verkaufte nicht nur Elektrizität an Privathaushalte, sondern auf Raten auch Umsatz bringende Elektrogeräte wie Kochplatten, Staubsauger und andere Haushaltsgeräte. Parallel zum Umsatz wuchsen die Probleme mit säumigen Zahlern, und so wurde, gemeinsam mit anderen Energieversorgern, Banken und Handelsunternehmen, die "Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung" ins Leben gerufen. Zumindest in Bezug auf die Geschäftsanteile ist die Dachgesellschaft Schufa Holding AG jedoch mittlerweile fest in der Hand der Kreditwirtschaft: Mehr als 85 Prozent der Aktien gehören den Banken, der restliche Anteil entfällt auf andere Unternehmen wie Versandhändler, Energieversorger oder Telekommunikationsanbieter.

Die Schufa arbeitet nach einem einfachen Prinzip: Wer Informationen liefert, darf auch welche abrufen. Gemeldet werden von den einzelnen Unternehmen Daten von Kunden, die in die so genannte Schufa-Klausel eingewilligt haben. Damit wird eine Bank, ein Versandhändler oder ein anderer Lieferant ermächtigt, persönliche Daten der Schufa zu melden oder sich dort über die Bonität des Kunden zu informieren. Die Einwilligungsklausel ist in Kredit- oder Kaufverträgen enthalten. Die Einwilligung ist zwar freiwillig – doch wer sich weigert, hat schlechte Karten. Es gilt die Devise: Wer die Schufa-Klausel streicht, hat etwas zu verbergen. Dass dann eine Kreditzusage oder die Lieferung auf offene Rechnung erfolgt, ist unwahrscheinlich.

Was die Schufa erfährt und welche Informationen sie wem zur Verfügung stellen darf, ist genau geregelt. Zu den so genannten Positivmerkmalen zählen Daten, durch die die Kreditwürdigkeit nicht in Zweifel gezogen wird. Dazu zählen die Basisdaten wie Name, Adresse und Geburtsdatum sowie bestehende Girokonten und Kreditverträge. Zu den Krediten zählt die Schufa auch alle Waren und Leistungen, die auf offene Rechnung geliefert werden. Somit werden auch Leasinggeschäfte, Handyverträge und Versandhandelsgeschäfte mit aufgeführt. Zu den Negativmerkmalen, die der Schufa gemeldet werden, zählen Privatinsolvenz, eidesstattliche Versicherungen sowie erfolglose Mahnungen.

Beim Zugang zu Informationen spaltet sich die Gemeinschaft der Schufa-Vertragspartner in eine Zweiklassengesellschaft. Privilegierte Informationsempfänger sind die Banken, die über Personendaten und Negativmerkmale hinaus eine Auflistung von Kontoverbindungen, Kreditkarten und laufenden Kreditgeschäften erhalten – Kontostand, Einkommen und Geldanlagen sind allerdings bei Meldung und Auskunft tabu. Deutlich weniger erfahren Dienstleister und Händler. Außer Anschrift und Geburtsdatum sind in deren Auskunft nur Negativmerkmale aufgeführt.

Alte Daten, alte Konten

Gerade im Bereich der Nichtbanken hat die Schufa in den vergangenen Jahren die höchsten Wachstumsraten erzielt. Grund dafür ist nicht nur die zunehmende Zahl von Telekom-Anbietern und Internet-Versandhändlern. Seit Anfang vergangenen Jahres dürfen auch Wohnungsunternehmen zur Überprüfung potenzieller Mieter auf die Schufa-Daten zugreifen. Thilo Weichert beobachtet diese Entwicklung mit Sorge. "Der Begriff des Kreditgebers wird immer mehr aufgeweicht, was für eine wachsende Zahl an Informationslieferanten und -empfängern sorgt", sagt der stellvertretende Landesdatenschutzbeauftragte für Schleswig-Holstein und Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Datenschutz. Hauptproblem dieser Entwicklung ist die Qualität der Daten. Je mehr Zulieferer Verbraucherdaten an die Schufa melden, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler passieren. "Die Fehlerquote der Schufa und die Zahl der Fehlinterpretationen werden sich schon bald deutlich erhöhen", prognostiziert Weichert.

Schon in der Vergangenheit geriet die Schufa immer wieder wegen falscher Einträge in die Schlagzeilen. So ließ die Stiftung Warentest im Frühjahr vergangenen Jahres 100 freie Mitarbeiter eine Auskunft über sich selbst einholen. Das Ergebnis: Bei 22Testern enthielt die Selbstauskunft veraltete Daten mit längst gekündigten Konten oder Kreditkarten, vier Testpersonen erhielten Auskünfte mit völlig falschen Informationen.