Niemand hat bisher wirklich beklagt, dass der Alchemistenofen des Johann Friedrich Böttger, als er an jenem denkwürdigen Tag im Jahr 1709 aufging, kein Gold, sondern Porzellan enthielt. Denn hat schon jemand einmal ein nennenswertes Kunstwerk aus Gold gesehen? Gold hätte etwas Finales bedeutet, für den menschlichen Erfindungsgeist und ganz besonders für die Kunst. Die europäische Erfindung des Porzellans, die damals im Dresden August des Starken geschah, war dagegen für die langsam zu Ende gehende Feudal-Ära so etwas wie die Erfindung der Fotografie für die nachfolgende bürgerliche Epoche. Die Rede ist von figürlichem Porzellan, nicht von Geschirr. Es konnte alles noch einmal neu ausgeformt werden: die Naturreiche, die Erdteile und ihre Bewohner, das Leben am Hofe, aber auch die Welt der einfachen Leute. Der Alchemist Böttger, der nur das eine wollte, schuf die Voraussetzung für vieles, für eine zweite Schöpfung aus dem Nichts Tonerde.

Was uns ohne große Umwege zu Jack Kyle bringt. Mr. Kyle wurde von der US-amerikanischen Presse bisher gerne mit P. T. Barnum verglichen, dem legendären Zirkus-Impresario. Das war, bevor Kyle auf Dresden und seine Kunstschätze verfiel. Nun ist es an der Zeit, ihn einen zweiten Böttger zu nennen. Einen Alchemisten, der mit unwahrscheinlichen Mitteln und einigen Tricks aus der Hauptstadt des ärmsten Staates der USA, aus Jackson, Mississippi, alle Jahre wieder ein Bilbao auf Zeit macht. Nur dass er niemals seine Ausstellungshalle mit den Stahlskulpturen Richard Serras füllen würde. Kyle ist auch nicht mit Porzellan zufrieden, er macht weiter, bis er auf Gold stößt. Und das Gold des Jack Kyle heißt Prinzen, heißt Royals, man könnte auch kurz sagen: heißt PR.

Ein Ausstellungsmacher mit drillbohrerhaftem Charme

Die Ausstellungen, die er in Jackson inszenierte, hatten Titel wie Splendours of Versailles oder Palaces of St. Petersburg: Russian Imperial Style oder The Majesty of Spain: Royal Collections from the Museo del Prado and Patrimonio Nacional. Und jetzt also The Glory of Baroque Dresden, 15 fabulous galleries filled with Royal Riches. Wir hatten lange Zeit geglaubt, die unübertreffbare Formel für eine Blockbuster-Show müsste Das Gold der Impressionisten sein. Jetzt ist klar, woran wir gescheitert wären: zu wenige P und R. Um wieder etwas an Boden gutzumachen, hier einige Vorschläge für die nächsten Ausstellungen in Jackson: Papal Pleasures: Riches from the Vatican. Oder Polish Prides: The Razzle and Dazzle of Eastern Patrons. Und wie wär’s mit Portuguese Pomp: A Showcase of the Regal Palaces of Oporto? Auf jeden Fall wird der Wettbewerb zwischen allen, die nach dem Peter-Pan-Prinzip alliterieren, härter. Dresden ist erneut auf Tour im Herbst in New York mit der Schau Princely Splendours, die in Hamburg dann als Pracht und Macht stagiert – vollmundige Titel, die man nicht mit vollem Mund aussprechen kann. A real paradox .

Nun würde man gerne auf eine Tonspur umsteigen und Worte wie a real paradox im Medium des Southern drawl zu Gehör bringen. Die Art, wie sie hier das Englische zugleich quirlen und auf eine mit sich selbst geduldige Berg-und-Tal-Fahrt schicken, hat etwas durchaus Barock-Ornamentales an sich, etwas Schiefrundes, um eine alte Übersetzung dieses Wortes zu gebrauchen. Wir sprechen vom Süden der USA und von seiner "gentilen Tradition", die inklusive Ausbeutung der Sklaven ein angestammtes Recht auf Artverwandtschaft mit dem Absolutismus und mit der Kultur des Barock behaupten darf. Die Ausstellungen der königlichen Schätze der Franzosen und der Spanier wurden unter anderem mit dem Hinweis auf die einstige Zugehörigkeit der Region am unteren Mississippi zu Spanien und dann zu Frankreich gerechtfertigt.

Es ist sehr die Frage, ob diese Affiliationen dem bankrotten Mississippi (The Glory of Broke Mississippi, kalauerte die örtliche Tageszeitung) aus den Schwierigkeiten der Gegenwart heraushelfen. Aber das Material, aus dem man seine Identität formt, muss weniger richtig sein als stimmen. Und stimmen tut es hier vor allem dann, wenn es den Unterschied und den Widerstand gegenüber dem Norden und Osten markiert. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, wie oft in den Pressetexten und Reden das Wort "exklusiv" vorkommt: Die Big Boys in Washington und New York haben das Nachsehen, diese Schau wird es nur in Jackson geben, "das ist der triumphale Tenor", das ist mit anderen Worten ein weiterer Sieg im "Krieg gegen die nördliche Aggression", wie der US-amerikanische Bürgerkrieg offiziell im Süden heißt. Es fällt einem leicht, dafür Sympathien zu entwickeln. Freilich lassen sich die Prinzipien Exklusivität und Tradition auch zu weit treiben: Beim Gala-Empfang aus Anlass der Eröffnung und des Besuchs von Kanzler Schröder war die mehrheitlich schwarze Bevölkerung des Bundesstaates durchaus vertreten: hinter den Schanktischen und als Wachpersonal.

Der PR-Mann Jack Kyle verkörpert den neuen Typus des Ausstellungsbrokers, der ohne eigene Sammlung im Hintergrund agiert. Er steht einer Organisation vor, die als "Mississippi-Kommission für Internationalen Kulturaustausch" ziemlich viel verspricht, denn dass Mississippi ("der Magnolien-Staat") schon einmal etwas Kulturelles zurückgetauscht hätte, ist bisher nicht bekannt geworden. Es geht um den Einsatz von Geld, von circa 10 Millionen Dollar pro Ausstellung bei erwarteten 200000 bis 400000 Besuchern (darunter 100000 eigens betreute und vorbereitete Schüler), die nicht nur 20 Dollar Eintritt zahlen sollen, sondern einer groben Rechnung nach ein Umsatzplus von bis zu 50 Millionen Dollar für die Region bringen. You put a lot in, but you get a lot out. Die Macht, die uns die Sprache verleiht, erlaubt es, in einem Satz von Mr. Kyle bis zum anderen Ende des bisher bekannten Spektrums menschlicher Arten zu gelangen, zu Theodor W. Adorno nämlich. Letzterer bezeichnete einmal den Barock als eine affiche – wir würden sagen: als ein Poster – "totaler Kultur für den Fremdenverkehr". Das war damals schon genauso richtig, wie es heute noch mehr hilflos ist.

Jack Kyle wird als der unermüdliche Bittsteller, Anfrager, Antichambreur porträtiert. Ohne seinen drillbohrerhaften Charme kleinreden zu wollen, muss man andererseits sagen: Kyle ist nicht die Frage, er ist die Antwort. Die Antwort auf den Zustand der Museen im Zeichen von Kundenorientierung und Tourneebetrieb . Museen sehen heute entweder so aus, als würden sie gleich abheben. Zum Beispiel wie das schon erwähnte in Bilbao. Oder sie sind bereits anderswo angekommen, vertreten durch ihre Filialen oder durch ihre Sammlungen. Das MoMA in Berlin. Die Dresdner Kunstsammlungen in Jackson, Mississippi. (Eine Frage: Warum ist eigentlich der Bestand der Berliner Nationalgalerie nicht weitergezogen, nachdem das Haus für die Gemälde aus New York freigeräumt wurde? Wollte den niemand?) Die Museen, die einmal gegründet worden waren, ihre volatilen Inhalte zusammenzuhalten, tun es diesen nach und setzen sich selbst in Bewegung.