Das Buch als Lebenshilfe – diese Maxime des guten alten Bildungsbürgertums hat in der neuen Bildungsdebatte unversehens Auftrieb bekommen. Doch welche Bücher muss man wirklich lesen? Diese Frage ist nun ein für alle Mal repräsentativ beantwortet. Wissenschaftler der Fairleigh Dickinson University in New Jersey haben 128 Universitätspräsidenten nach denjenigen Werken gefragt, die sie empfehlen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein. Und siehe, das Buch der Bücher erstrahlt in ungebrochenem Glanz: Die Bibel steht auf Platz eins, gefolgt von Homers Odyssee und Platons Politeia.

Diese W ahl ist zunächst ebenso honorig wie erstaunlich. Schließlich ist keiner der Buch-Favoriten jünger als tausend Jahre. Was macht diese Antiquitäten so zukunftstauglich? Sollen sich die verirrten Studenten etwa an Bibelsprüchen wie "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben" aufrichten? Oder sich die platonische Botschaft zu Herzen nehmen, dass allzu kluge Frager am Ende mit dem Schierlingsbecher zum Schweigen gebracht werden, so wie es dem unseligen Sokrates erging? Oder soll man beim listenreichen Odysseus studieren, wie man auch in hoffnungsloser Lage seinen Kahn wieder flottbekommt, bevor halbseidene Geschöpfe wie Circe einen endgültig zur Sau gemacht haben?

Derartige Mutmaßungen zeigen die wahre Brisanz der Lektüreempfehlung: Sie trifft zielsicher ins Zentrum unserer tiefsten Bildungslücken. Denn die Rektoren haben vor allem solche Werke favorisiert, deren Popularität in grobem Missverhältnis zur tatsächlichen Kenntnis ihrer Inhalte steht. Trotz des gerade abgefeierten Jahrs der Bibel und selbst bei humanistisch ausgerichteter Gymnasialbildung: Wer ist heute auch nur noch halbwegs bibelfest? Und wer hätte je Homers großen Heldengesang zu Ende gelesen, von Platons Opus ganz zu schweigen?

So liegt der Verdacht nahe, dass es den Rektoren gar nicht um die praktische Nutzanwendung der antiken und biblischen Weisheiten geht, sondern um deren Lektüre selbst. Wie anders wäre zu erklären, dass als einziges modernes Buch Stephen Hawkings Eine kurze Geschichte der Zeit Eingang in die Liste fand – ein Werk, das gern als das "ungelesenste Buch seit der Bibel" bezeichnet wird.

So lautet also die wahre Botschaft der Rektoren: Lest und füllt eure Bildungslücken! Wer es wirklich schafft, die Bibel, die Odyssee, die Politeia komplett zu lesen, der braucht das 21. Jahrhundert nicht mehr zu fürchten. Denn egal, was kommt – bei der Bibellesung hat man von Matthäus gelernt: "Seid fröhlich und getrost. Es wird euch im Himmel belohnet werden." Sabine Etzold