Das war 1981. Ein Abend bei einem Freund, zehn oder zwölf Gäste waren da, alle Mitte zwanzig, und Helga war die Einzige, die schon ein Kind hatte, sechs Wochen war es alt. Der Weißwein kam gerade in Mode, und das Leben sah vielversprechend aus. Der Gastgeber war zehn Jahre später Chefredakteur, unter den Gästen waren zukünftige Filmproduzenten, Designer, Klatschkolumnistinnen, Schriftsteller. Ich glaube nicht, dass ich damals viel mit Helga geredet habe, aber ihre Stimme habe ich mir gemerkt. Sie sprach laut, schnell und selbstbewusst und hatte einen deutlichen hessischen Akzent.

Zehn Jahre später arbeitete ich an einer Reportage über Armut in München: Obdachlosigkeit, Sozialhilfe, Verschuldung in einer der reichsten deutschen Städte. Ich besuchte ein Caritas-Heim, um mit obdachlosen Frauen zu sprechen, saß auf einem Stuhl in einem Zimmer, wartete auf Gesprächspartnerinnen.

Die Tür ging auf, Helga stand da.

In die Stille hinein, die aus Verblüffung und Bestürzung entstand, sagte sie: "So sieht man sich wieder…"

War ihr Mann nicht Taxiunternehmer? Und sie? Studierte doch…

Wie man sich wiedersehen kann: Helga hatte da schon zwei Kinder, acht und zehn Jahre waren sie alt. Aber sie hatte sich getrennt von ihrem Mann. Sie warf ihn hinaus, es ging nicht mehr, sie konnte seine Passivität und Selbstsucht nicht mehr ertragen, seine Unfähigkeit zu emotionalem Engagement. Nie würde sie vergessen, was er ganz zuletzt sagte: "Du weißt schon, dass du mich aus dem Nest wirfst…?!"

Aus dem Reihenhaus, in dem sie alle wohnten, musste sie ausziehen, es war nun zu teuer. Ihr Mann zahlte keinen Unterhalt; das Taxiunternehmen ging Pleite. 300 Zettel klebte Helga an Lampenmasten, gab Anzeigen auf, telefonierte mit Maklern – nichts. Alleinerziehend? Zwei Kinder? Man rufe zurück.

Man rief nie zurück.