Was die politische Opposition Haitis seit Jahren auf friedlichem Weg vergeblich forderte, hat eine kleine bewaffnete Truppe von einigen hundert dubiosen Spießgesellen in genau 24 Tagen durchgesetzt: Präsident Jean-Bertrand Aristide ist zurückgetreten. Die Rebellen, die kein politisches Programm haben und allenfalls die Frustration einer verelendeten Bevölkerung repräsentieren, fordern nun einen Teil der Macht ein oder wollen zumindest am Verhandlungstisch Platz nehmen. Jetzt wird die politische Zukunft ohne Aristide ausgehandelt. Doch wird die Opposition mit Lavalas, der amorphen Partei des geflüchteten Präsidenten, verhandeln müssen. Dabei sein werden auch die Rebellen.

Die Rebellion ist von den "Kannibalen" ausgegangen, einer von Aristide bewaffneten Truppe, die jahrelang dessen dreckige Geschäfte in der Stadt Gonaives erledigte. Ihnen angeschlossen haben sich Soldaten der aufgelösten Armee und auch Louis-Jodel Chamblain, der wegen Mordes verurteilte Vizechef der FRAPH-Partei, die besser als eine Ansammlung von Todesschwadronen zu bezeichnen ist. Nun ist er Vizechef der Rebellen. Der Führer des Aufstands, Guy Philippe, hat in Ecuador eine militärische Ausbildung erhalten, zum Teil von US-Offizieren, aber nie der Militärdiktatur gedient, sondern Aristide. Er war sein Polizeichef in Cap Haitien, der zweitgrößten Stadt des Landes.

Philippe bestreitet zwar, politische Ambitionen zu haben, und versichert, seine Kämpfer würden die Waffen niederlegen. Doch von einer Abgabe der Waffen ist bisher nicht die Rede. Die Entwaffnung der Rebellen wie auch der Terrorbanden Aristides aber ist die Voraussetzung für den Aufbau eines Rechtsstaates, der allein Stabilität in das notorisch instabile Land mit seiner zerrissenen Gesellschaft bringen könnte. Das ist – nach der Sicherung humanitärer Hilfe – die vordringlichste Aufgabe der 5000 Mann starken internationalen Friedenstruppe, die in bemerkenswert herzlichem Einvernehmen von Amerikanern und Franzosen geführt wird. Ob sie in drei Monaten schon, wie der UN-Sicherheitsrat meint, durch Blauhelme ersetzt werden können, wird sich noch zeigen. Es geht zwar nur um die Entwaffnung von Banden, die mit einigen Schnellfeuergewehren und Maschinenpistolen ausgerüstet sind. Trotzdem keine leichte Aufgabe. Um sie durchzuführen und Rache und Lynchjustiz weitmöglichst zu verhindern, mag es sinnvoll sein, Philippe an den Tisch zu bitten.

Bei politischen Verhandlungen hat der Rebellenführer allerdings nichts zu suchen. Bei diesen wird es darum gehen, einen Ausgleich zwischen Regierung und Opposition zu finden, einvernehmlich ein Übergangsregime und mit internationaler Hilfe eine professionelle Polizei und eine unabhängige Justiz aufzubauen. Letzteres ist eine Arbeit von wohl mindestens einem halben Jahrzehnt.

Zunächst müssen nun Gespräche mit den Parteien der Opposition, mit den in der Gruppe 184 zusammengeschlossenen Organisationen der Zivilgesellschaft und natürlich auch mit Lavalas, der Aristide-Partei, geführt werden. Sie hat einst einen Großteil der verelendeten Massen repräsentiert. Ob sie es noch tut, wird sich eines Tages bei Wahlen erweisen. Auch welchen Rückhalt die politische Opposition in der Gesellschaft hat, weiß niemand. Sie repräsentiert eine politische Klasse und eine gesellschaftliche Elite, die weiten Teilen der Bevölkerung schlicht fremd sind. Die populären Führer François Duvalier alias Papa Doc und Jean-Bertrand Aristide entstammten einfachen Verhältnissen und waren von so schwarzer Hautfarbe wie 90 Prozent der haitianischen Bevölkerung. Beide endeten als Despoten. Vermutlich wäre André Apaid, der parteilose Führer der Gruppe 184, ein mutiger, kluger und geschickter Politiker, ein guter Präsident für Haiti. Doch ist er ein steinreicher Unternehmer und zudem von ziemlich heller Hautfarbe. Das ist – leider – ein Hindernis.

Thomas Schmid ist freier Publizist in Berlin. Er bereist regelmäßig Lateinamerika