Was war das nun in Hamburg – eine Kommunalwahl, die bundesweit im Fernsehen übertragen wurde? Oder doch das erste Vogelzwitschern der CDU am Morgen eines heraufziehenden Machtwechsels in Berlin? Immerhin, nach Niedersachsen im vergangenen Jahr hat die CDU zum zweiten Mal in Folge im Norden gepunktet – eine Voraussetzung für einen künftigen Erfolg im Bund.

Aber bevor die Berliner Unionsspatzen allzu lebhaft mit den Flügeln schlagen, lohnt ein Blick in die Wahlanalysen; der Befund ist eindeutig. Fast drei Viertel der Wähler haben sich in Hamburg laut Forschungsgruppe Wahlen vorrangig aus landespolitischen Motiven entschieden. Einen ähnlich hohen Wert hat auch Infratest-dimap ermittelt. Offensichtlich wog der Ole-Bonus schwerer als der Schröder-Malus; nicht einmal die häufig angeführte Praxisgebühr scheint das Ergebnis nachhaltig beeinflusst zu haben.

Doch was sind überhaupt landespolitische Motive, wenn 60 Prozent der Wähler angeben, dass sie die Arbeit der bisherigen Regierung kritisch sehen; wenn fast drei Viertel von ihnen sagen, dass die CDU durch die Koalition mit dem Rechtspopulisten Schill dem Ansehen Hamburgs geschadet habe – und wenn diese CDU dann doch mit einem überwältigenden Ergebnis (47,2 Prozent) gewählt wird? Die Antwort stand auf einem Wahlplakat. Sie lautet schlicht: Michel, Alster, Ole. Jeder zweite Wähler, der sein Kreuz bei der CDU gemacht hat, hat sich wegen des Spitzenkandidaten so entschieden – nicht wegen der Partei. Noch eindeutiger fällt das Votum bei den Wählern aus, die die CDU neu hinzugewonnen hat. Sechs von zehn Neuwählern gaben an, sie hätten vor allem für von Beust gestimmt.

War Hamburg also doch eine reine "Miss-wahl", wie die grüne Fraktionschefin Krista Sager bereits im Vorfeld ätzte: im Kern unpolitisch und von den Ole-Fans in der lokalen Springer-Presse kongenial unterstützt? Aber nein, ruft die CDU und wird nicht müde zu betonen, in Hamburg habe die Partei mit von Beust an der Spitze ein neues, liberales Großstadtprofil entwickelt und damit einen Prototyp geschaffen für die bundesweite (Rück-)Eroberung der Städte.

Tatsächlich hat von Beust im Wahlkampf ein paar bemerkenswerte Positionen bezogen. So warb er, im Widerspruch zur Bundespartei, für die gezielte Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte nach Deutschland, genauso wie für einen EU-Beitritt der Türkei. Die kontrollierte Abgabe von Heroin, wie sie in der Hansestadt praktiziert wird, ist in anderen unionsgeführten Ländern noch immer tabu. Schließlich darf man vermuten, dass auch von Beusts Homosexualität – die er selbst nie zum Politikum gemacht hat – manchem aufgeklärten Großstädter die Restangst vor den "Konservativen" nimmt.

Und auch die weniger Aufgeklärten ließen sich mindestens durch von Beusts scheinbar entschlossenes Durchgreifen gegenüber dem ehemaligen Innensenator Schill beeindrucken. Mehr als 80000 Stimmen – und damit die Hälfte ihres Zuwachses – hat die Hamburger CDU von dessen ehemaligen Wählern gewonnen. Die Folge: Die größten Zuwächse erzielte die CDU bei den Wählern mit einfacher und mittlerer Schulbildung – und bei den Älteren. "Ihren Sieg hat die Union vor allem den Senioren zu verdanken", analysiert Infratest-dimap. 60 Prozent der über 60-Jährigen haben von Beust gewählt. Dagegen liegt Rot-Grün in der Altersgruppen bis 45 Jahren noch immer deutlich vor der CDU. Die Anhängerschaft der neuen Großstadtunion erinnert doch noch sehr an die der "alten" CDU.