Athen

Wahlen im modernen Griechenland sind eine wohlgeordnete Angelegenheit. Aufgeräumt die Straßen, verhalten der Flugblatthagel, gepflegt das Duell. Die Spitzenkandidaten betreten das Gebäude des Staatssenders ERT zur Debatte. Der Konservative trifft zuerst ein, marschiert entschlossen nach rechts, nickt, als in der Eingangshalle Applaus aufbrandet, und nimmt den rechten Fahrstuhl ins Studio. Der Sozialist folgt dem Konkurrenten, doch schwenkt nach links ab, winkt den anfeuernden Fans zu und verschwindet im linken Fahrstuhl. Alles sehr übersichtlich. Auch die Namen verwirren nicht, da sie selbst Nichtgriechen vertraut sind. Der konservative Kandidat heißt Karamanlis und der Sozialist natürlich Papandreou.

Wer meint, die seien doch längst tot, hat vollkommen Recht. Konstantin Karamanlis (Ministerpräsident bis 1980) starb 1998, Andreas Papandreou (sein Nachfolger) schon 1996. Aber die rivalisierenden Polit-Titanen der griechischen Nachkriegszeit haben Erben. Die kämpfen nun bis zur Wahl am 7.März gegeneinander, fast wie die Alten. Kostas Karamanlis, der Neffe des Parteigründers, wurde bereits 1997 in einer Kampfabstimmung an die Spitze der konservativen Nea Dimokratia gewählt. Georgios Papandreou, der Sohn von Andreas und einer Amerikanerin, hat sich vor drei Wochen in einer Urwahl im US-Format von einer Million Menschen zum Chef der sozialistischen Pasok küren lassen. Durchaus demokratisch, aber dennoch unüblich in europäischen Demokratien. Braucht es in Griechenland solche Namen, um in der Politik Karriere zu machen? Beherrschen ein paar Familien das Land von 10 Millionen?

Sanft tönender Intellektueller gegen Kompressorredner

Die Antwort lautet zunächst einmal nein. Der scheidende Premier ist das leuchtende Gegenbeispiel. Kostas Simitis war der Sohn eines Hochschulprofessors und wurde selber einer, bevor er die Pasok mit begründete. In den vergangenen acht Jahren als Premier hat er das Land vom Kopf auf die Füße gestellt. Simitis, der "Buchhalter", wie ihn die Griechen nur halb verächtlich nennen, hat sein Volk gelehrt, dass man nicht ausgeben kann, was man nicht eingenommen hat. So führte er Griechenland, wo die dahinschmelzende Drachme zum Alltag gehörte wie Olivenöl zum Fetakäse, in die Eurozone. Eine Revolution war das, nicht weniger.

Simitis befreite das Land von dem Rausch, den der Populist Andreas Papandreou erzeugt hatte. Der redete vom "großen Wandel", von Hellas als Freund der Dritten Welt, von "Visionen". Simitis war kein Seher. Er kannte nur die Wirklichkeit, und die war eben nüchtern. Am Ende wohl zu nüchtern für die Griechen. Deshalb geht Simitis jetzt freiwillig, letzter Akt seiner "Politik der Verantwortung". Nun bekommen die Griechen die klingenden Namen wieder.

Rosarot gepudert treten Karamanlis und Papandreou in die Fernseharena. Der Konservative hat eine raumgreifende Statur, was ihm den Spitznamen Schrank eingetragen hat. Aber mit seinen 47 Jahren und dem dunklen Haar erfüllt er äußerlich gewiss den Anspruch dieser Wahlen: den alten Namen zu haben, aber dennoch ganz besonders neu zu sein. Auf der Regierungsbank saß er noch nie. Sein Kontrahent Papandreou dagegen war bereits zweimal Erziehungsminister und zuletzt Außenminister. Der 51-Jährige hat zwar wenig Haare, und die sind auch schon grau, aber wirkt dennoch wie ein Junger: Schlank ist er, sportlich, sympathisch, übrigens auch, weil er vor der Kamera schlecht gerüstet ist. Während der Debatte fühlt und zittert man mit ihm. Während Karamanlis mühelos den Bildschirm ausfüllt, wirkt Papandreou liebenswürdig, doch fast verloren im Fernsehen.

Die Kontroverse ist nicht Papandreous starke Seite. Da kommt er nicht nach dem Vater, der im Streit zu größter Form auflief. Jorgakis, wie ihn die Pasok-Anhänger liebevoll verniedlichend nennen, fühlt sich am wohlsten unter Freunden. Auf Wahlveranstaltungen vermag er die Zuhörer mit sanfter Stimme in ekstatisches Entzücken zu versetzen. Wenn er nicht auf den bulligen Gegner, sondern auf ein Meer vertrauter grüner Pasok-Fahnen blickt, entfaltet Papandreou seinen predigenden Charme. Dann findet er zu jener "visionären Rede", die seine Fans wie Manna verschlingen und sie glauben lässt, der legendäre Alte sei wieder auferstanden. Der Markenname Papandreou zieht.