Wärme. Die Wärme der Farben. Der Möbel. Die Wärme des Kamins. Des Lichts. Die Zinnober- und Orangerotwärme, die Mango- und Blutorangebehaglichkeit, die Terracotta-Sattheit. Aus der Kälte der Welt und des hoch gelegenen Harzes kommend, umschmeichelt den Fremden die Wärme des Gothisches Hauses ohne weitere Umstände. Das Hotel liegt im Zentrum von Wernigerode, ist vielleicht sogar das Zentrum von Wernigerode, weil es neben dem Rathaus das Marktplatzensemble dominiert und überhaupt eine lange Geschichte hat. Wernigerode am Rand des Nordharzes ist ja nichts weniger als ein wunderbar herausgeputztes Mittelalterjuwel, und das just herausgeputzte, frisch sanierte Gothische Haus setzt ganz juwelierend auf das spätmoderne Mittelalterambiente dunkel gebeizten Fachwerks, die Balkendecke des Kaminsaals etwa und die Pfeiler in den Zimmern, setzt ganz farbenvoll-barock auf den Charme der rot getönten Wärme, den leisen Genuss im angedeuteten Luxus.

Wärme. Dieser Art von Sinnlichkeit wird man nach einem ersten Spaziergang über den Klint und den Teichdamm in die Kanzleistraße nachzuspüren haben, nun aber, denkt man sich, ist Dämmerung, und die ersten Lichter gehen an, und man beginnt zu ahnen, wie symbolisch das Gothische Haus für Wernigerode ist. Das bunte Städtchen mit dem schnitzwerkschönen Krummelschen Haus und dem Schmiede- und Harzmuseum ist eine stattliche Behauptung des Fachwerks gegenüber allen Zumutungen der ausgekühlten Moderne: spitz die Giebel, klein die Türmchen, erkerfroh die leicht krummen Häuschen aus dem 16. Jahrhundert. Hinterm Fächerrosettenfachwerk muss noch heute ein genussfrohes Volk leben: All die Bäckereien und Konditoreien mit ihren Schokoladen und Kräuterschnäpsen legen ratsherrlichen Hedonismus nahe. Die Gassen fein durchflaniert, den historischen Klint auf den kopfsteingepflasterten Markplatz zu, trifft man, links das in herrschaftlicher Strenge keck verspielte Rathaus, geradewegs vorn auf das Gothische Haus, in dem, so etwas darf in geistlosen Zeiten kaum unerwähnt bleiben, um 1545 der Humanist Philipp Melanchthon lebte. Oben, in einem der 116 individuell designten Zimmer, verraten wir es: Zimmer 337, fällt der Blick herab auf den Markt, bevor er, beim Kirchglockenklöppeln, fortschweift über die Dächlein der Stadt, südwärts, den Brocken hinauf, zum spitztürmigen Schloss in seiner abendlich ausgeleuchteten Schönheit. Eine fast heilige Ruhe im Übrigen.

Sodann den Bademantel angelegt, einen vom leicht sächselnden Service gereichten Earl Grey getrunken; unter der Schräge des geschindelten Daches liegend, in diesem fremden Bett, das im Prinzip keine großen Menschen bevorzugt. Der behaglichen Wärme jener merkwürdig romantischen Altdeutschheit gefügt, geradezu willenlos. In die Frotteeschlappen geschlüpft, mit dem Aufzug in den Keller gereist, die ersten ätherischen Öle des »Pro Vita«-Bereichs gerochen, ein Heubad genommen, Dampfbad, »Erlebnisdusche«, sodann eine Nachtkerzenölbehandlung, die einen bärenhaften Hunger verschafft, der, hier mäkeln wir, im wärme- und also seelenlosen Restaurant Die Stuben auf ein immerhin überraschendes Menü trifft, ehe man, am Kamin sitzend, in einem Buch über den Brocken blättert, die Hexen rufen hört und, im Ohrenbackenfauteuil, vor dem Fernseher zu dösen beginnt, schließlich den Bademantel ablegt, das warme Licht löscht und am nächsten Morgen viel zu spät aufwacht, um in absehbarer Zeit einen Platz an den wenigen Frühstückstischen zu erobern.

Hotel Gothisches Haus, Marktplatz 2, 38855 Wernigerode, Tel. 03943/675-0, Übernachtung ab 46 Euro, www.tc-hotels.de