Ich bin niemand, den Sie kennen möchten." Wie viele Demütigungen gehen einem solchen Satz voraus? Die junge Inderin sitzt zusammengekauert in Lumpen, irgendwo mitten in der Straße auf einem Holzkarren, der wohl ihr Totenbett sein wird. Eine Prostituierte, der Zukunftslosigkeit ihres Dorfes entflohen ins falsche, gefährliche Paradies von Bombay - aidskrank ist sie auch ihrem Bordellbesitzer nichts mehr wert. Wie so viele Frauen und Mädchen, die, aus bäuerlichen Gemeinschaften entwurzelt, grenzenloser Ausbeutung preisgegeben sind und vielleicht erstmals Respekt erfahren in einer der glänzend fotografierten Reportagen, die der Herausgeber Daniel Schwartz Geschichten von der Globalisierung nennt.

Doch sind diese indischen Frauen Globalisierungsopfer - gab es Landflucht und Slum-Elend nicht schon lange? Das Unbefriedigende an diesem Band ist, dass der komplexe Prozess, von dem er erzählen will, nirgends definiert wird. Was eigentlich bezeichnen seine Autoren als Globalisierung: Alles, was seit der Kolonialisierung geschah? Oder was irgendwie mit allem zusammenhängt? Dann wäre tatsächlich, wie die Sammlung von Reportagen und Foto-Essays suggeriert, auch der Bosnienkrieg der Globalisierung geschuldet - dann wäre die faszinierende Wechselbeziehung religiöser Kulte zwischen Nigeria und Brasilien Teil des gleichen Problems wie die Isolation belgischer Arbeitsloser. Beim Blättern wird man den Verdacht nicht los, dass die brisante Chiffre Globalisierung auf dem Titel vor allem dazu dienen soll, der Sozialfotografie, die es sonst schwer hat auf dem Buchmarkt, Flügel zu verleihen.

Allerdings zu Recht: Diese Menschen-Bilder aus aller Welt sind mit Empathie und tiefem Ernst gezeichnet, aufmerksam für Brüche und Widersprüche. Und die meisten spüren tatsächlich den sozialen und kulturellen Folgen jener seit den neunziger Jahren beschleunigten Ausweitung der Finanz-, Produktions-, Kommunikations- und Verteilungssysteme nach, die der Begriff Globalisierung eigentlich charakterisiert - und die den Einzelnen in seiner Hoffnung auf individuelles Glück allzu oft zum Homo oeconomicus herabwürdigt.

Chinesische Wanderarbeiter, die zusammengepfercht wie in der Frühindustrialisierung leben, wirken verloren zwischen den Bankenpalästen und Einkaufszentren der neuen Freihandelszonen. Vietnamesische Schüler blinzeln gleichzeitig irritiert und begeistert durch selbst gebrannte CDs. Coole Modemacher in italienischen Konsumtraumfabriken sind ebenso bunt aus allen Kontinenten zusammengewürfelt wie ihre proletarischen Nachahmer, die in Neapels Vorstädten illegal Kopien der Designerklamotten schneidern. Oder Arbeitsmigranten in Pariser Vorstädten haben Porträts von Verwandten aus ihrer fernen Heimat aufgestellt, voller Sehnsucht nach Wurzeln in der Ortlosigkeit.

Die eigentlichen Triebkräfte der Globalisierung jedoch kann man kaum fotografieren: die virtuellen Finanzströme. Vielleicht ist die Kolonialzeit doch nicht so weit entfernt. Über die "rätselhafte", unsichtbare Welt der Finanzen schrieb jedenfalls schon Joseph Conrad, dass in ihr,"so unglaublich es erscheinen mag, die Evaporation der Liquidation vorangeht".

Geschichten von der

Globalisierung Hrsg. v. Daniel Schwartz - Steidl Verlag, Göttingen 2003 - 256 S., 25,- e