Mittags, in der größten Hitze, zehrt das Heulen der Lkw, das Hupen und Knattern der Motorrikschas selbst in Thiruvananthapuram an den Nerven. In der grünen Hauptstadt des südindischen Bundesstaates Kerala suchen Hunderte demonstrierender Studenten Schutz vor der prallen Sonne. Die einen unter bunten Schirmen; andere lehnen sich wie der 18-jährige Krishnan und sein Freund Praveen an den Schutzzaun vor dem Regierungspalast, wo überhängende Bäume etwas Schatten spenden.

Normalerweise sitzen die beiden angehenden Juristen täglich ausdauernd am Schreibtisch. "Wir lesen absolut alles! Extrem viel", sagt Krishnan, ganz der coole Intellektuelle. Später wollten sie als Rechtsanwälte gegen Ungerechtigkeit kämpfen, fällt Praveen ihm ins Wort. "Aber heute findet dieser Kampf schon mal auf der Straße statt."

Streiks und Demonstrationen sind in Thiruvananthapuram, kurz: Trivandrum, nichts Besonderes. Seit hier wieder eine Koalition der Kongresspartei regiert und nicht mehr die Kommunisten, ist die Frequenz zwar deutlich gesunken. Doch ungewöhnlich ist es noch immer nicht, wenn an einem Tag Mitarbeiter eines skandinavischen Softwareunternehmens wegen geplanter Entlassungen mit in den Himmel gereckten Fäusten unter Kokospalmen und Mangobäumen marschieren und am nächsten die Studenten.

Dabei hat die Student Federation of India für ihren Streik gar nicht allein in Kerala mobilisiert, sondern im ganzen Land. Ihr Unmut gilt steigenden Studienkosten – und der möglichen Kommerzialisierung des indischen Bildungssystems. Seit einiger Zeit ermuntert die Regierung die Colleges, sich durch Gebühren selber zu finanzieren; zudem bieten immer mehr Privatinstitute global anerkannte Studiengänge an. Das internationale Dienstleistungsabkommen Gats, bei dessen Fortschreibung in der Welthandelsorganisation Indien mitbietet, könnte noch mehr kommerzielle Anbieter ins Land locken, meist aus den USA oder Kanada.

Einerseits sehen auch der Beamtensohn Krishnan und der Juristenspross Praveen, "dass die Regierung zu wenig Geld hat, um den wachsenden Hunger auf Lernen zu stillen". Andererseits: "Private Unis sind meist viel teurer. Und auf keinen Fall wollen wir, dass sich nur noch die Reichen ein Studium leisten können, und die staatlichen Unis werden ausgehungert!"

Hochschulfinanzierung, Ausbildungsqualität, -sinn und -gerechtigkeit: indische Studenten diskutieren in diesen Monaten die gleichen Themen wie ihre unruhigen Kommilitonen in Berlin oder Heidelberg. Die Probleme sind ähnlich – und doch ganz anders in einer zu drei Vierteln bäuerlich geprägten, von Armut und sozialen Gegensätzen zerrissenen Gesellschaft, in der unter harten Konkurrenzbedingungen um den Zugang zu Wohlstand und Selbstverwirklichung gerungen wird. Das zeigt besonders das Beispiel der University of Kerala, die in einer der am wenigsten industrialisierten Regionen in Südindien liegt – aber mit den am besten ausgebildeten Bürgern. Ein Widerspruch, der in antiquarisch oder improvisiert wirkenden Hörsälen sofort ins Auge fällt. Unter der akademischen Obhut der Universität mit ihren 11 Fakultäten sollen 89 selbstständige, über Trivandrum und die Region verteilte Hochschulen und Colleges rund 40000 Studenten Zukunftschancen eröffnen – und dem Land.

Seine Hoheit Sri Chithira Thirunal Balarama Varma starb vor 13 Jahren. "Das war ein Sonnenuntergang in unserem Leben", sagt die Nichte des letzten regierenden Maharadschas im damaligen Königreich Travancore, "alles Schöne, Subtile und Geistreiche kam von ihm."

Als ihr Onkel im Jahre 1937 die Universität gründete, war Prinzessin Aswathi Thirunal noch nicht auf der Welt. Doch von seinen Motiven damals kann die gelehrte Schriftstellerin erzählen, die einst auf seidenen Kissen von strengen Privatlehrern unterwiesen wurde. Eine dunkelhaarige, zierliche Erscheinung im schneeweißen, lila und golden gesäumten Sari. Ein wenig verloren wirkt die 60-Jährige im Empfangszimmer des hinter hohen Hecken versteckten, heute bedeutungslosen Königspalastes mit seinen verblichenen Stuckaturen, kostbaren Möbeln und Gemälden.