Spaß und Party statt Pädagogik und Sendungsbewusstsein: Nach dem Auslaufen der öffentlich subventionierten Kinder- und Jugendverschickung hat auch bei betreuten Reisen für Minderjährige die Marktwirtschaft Einzug gehalten. Eltern, die ihren Sprösslingen Ferien mit Gleichaltrigen gönnen möchten – und nicht zuletzt sich selbst ein paar kinderfreie Wochen –, sind nicht mehr auf die Angebote karitativer und gemeinnütziger Organisationen angewiesen. Jedes gut sortierte Reisebüro vermittelt kommerzielle Pauschaltrips für Minderjährige.

"Um eine pädagogische Dienstleistung mit Spaß anzubieten, braucht man kein eingetragener Verein zu sein", sagt der Geschäftsführer von RUF Jugendreisen, Thomas Gehlen. Den Trend "von der Jugendpflege zum Jugendtourismus" hat der Bielefelder Veranstalter schon vor Jahren vorausgesehen und ihn maßgeblich vorangetrieben. RUF beförderte im vergangenen Jahr 48000 Kinder und junge Leute in die Ferien und etablierte sich in diesem Geschäft als einsamer Marktführer.

Das erfolgreiche Rezept heißt: "Amüsieren, nicht erziehen". Teenager, die eines Tages "Superstar" werden wollen, können in den RUF-Sommercamps beispielsweise im Programm On Stage Tanzen lernen und Bühnenerfahrung sammeln oder ihre jungen Körper mit Beauty-Anwendungen weiter verschönern. "Jugendgerechte Formate" sind laut Gehlen eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg. Um den jüngsten Teilnehmern von acht bis elf Jahren und ihren Eltern die Schwellenangst zu nehmen, hat RUF eine so genannte Heimwehgarantie eingeführt: Wenn ein Kind unbedingt wieder nach Hause möchte, erstattet der Veranstalter die anteiligen Kosten für die nicht genutzten Leistungen.

Dagegen tun sich ehrwürdige Institutionen wie das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) schwer, auch wenn sie sich dem Zeitgeist zu öffnen versuchen: "Mit einer Schnitzeljagd kann man Jugendlichen heute nicht mehr kommen, das muss schon Teufelskralle und Krötenschleim oder Zeitreise ins Mittelalter heißen", sagt DJH-Sprecher Knut Dinter, fügt aber gleich hinzu: "Bei unseren Reiseangeboten geht es nicht um reine Unterhaltung. Ein gewisser pädagogischer Impetus ist geblieben, das hängt mit unserer Geschichte und unserem Selbstverständnis zusammen."

Andere gemeinnützige Ferienwerke sind ganz vom Markt verschwunden – oder haben durch neue Geschäftsformen auf das Versiegen öffentlicher Geldquellen reagiert. So trägt der Berliner Veranstalter JuHu-Reisen zwar noch seine Herkunft – die "jungen Humanisten" – im Namen, ist aber längst eine unabhängige Firma. Früher beförderte JuHu jedes Jahr Hunderte Jugendliche aus sozial schwachen Familien ins Ausland – im Auftrag der Bezirksämter. "Das ist jetzt alles auf null gefahren", sagt JuHu-Chef Ludwig Ottenbreit. Nicht nur in Berlin, überall haben Länder, Städte und Gemeinden wegen leerer Kassen die einst großzügige Bezuschussung in den vergangenen Jahren eingestellt oder reduziert. Wer heute mit JuHu fährt, muss den Urlaub ganz aus eigener Tasche bezahlen. "Seitdem haben wir es natürlich vor allem mit dem Mittelstand zu tun."

Jugendreisen sind nicht billig: Mindestens 450 Euro muss man bei RUF für zwei bodenständige Wochen mit Zelt und Reisebus anlegen, aber immer mehr Schüler oder Auszubildende lassen sich, wenn sie allein verreisen, ganz gern verwöhnen. Am oberen Ende der Preisskala erfreut sich der RUF Cluburlaub steigender Popularität und kostet mit bis zu 850 Euro inklusive Flug auch nicht weniger als ein Pauschalurlaub à la TUI oder Neckermann. Derart luxuriöse Angebote exklusiv für den Nachwuchs gab es vor zehn Jahren überhaupt noch nicht.

"Jugendtourismus ist ein relativ wenig beackerter Markt", sagt Monika Dombrowsky, Vorsitzende des Reisenetzes, in dem Unternehmen aus dem Jugendtourismus organisiert sind. "Wer hier tätig ist, trägt hohe Verantwortung, das Geschäft ist ziemlich aufwändig. Das ist wohl auch der Grund, warum die großen Konzerne mit ihren Versuchen, hier Fuß zu fassen, jedes Mal gescheitert sind." Die TUI lässt dieses Jahr immerhin einen Versuchsballon steigen und veranstaltet für bayerische Gymnasiasten Abiturientenreisen in die Türkei. Wenn sich das Pilotprojekt unter dem Titel mission2beach bewährt, ist eine bundesweite Ausdehnung vorgesehen.