Lebende Bücher, die gibt es. Eins zog seine Leine hinter sich her und bellte, wackelte auch mit dem Schwanz und ließ das Lesen auf den Hund kommen, der ein Buch war: Schlag mich auf, ich bin ein Hund. Art Spiegelmans Kinderbuch war, Seite für Seite, ein Hund. Es stellte die Frage, ob sich zwischen Büchern und Lebewesen in jedem Fall exakt unterscheiden lässt. Hunde kann man nicht ins Regal stellen, diesen wohl. Bücher muss man nicht an die Laterne führen. Aber dieses?

Nun steht, vor Hunderten von Lehrern, im Hamburger Institut für Lehrerfortbildung, noch so ein lebendes Buch. Manfred Spitzer, im rehbraunen Jackett, azurblauen Hemd, gelb gemustert der Schlips, und jedes Regal würde er bald zum Wackeln bringen. Sein Thema: das Gehirn. Er blättert in sich vor und zurück, spricht mit den Händen, die zeigen, wie das Tasten und die Synapsen zusammenhängen, das Geigen und dessen Spur im Gehirn, schöpft das ganze Repertoire der Stimme und Mimik aus, spielt mit dem Unerwarteten. Spitzer, der Neurologe, der Zauberkünstler, führt vor: Spitzer als Gesamtwerk, ein Original, nicht kopierbar.

Seine Bücher werden in Eltern- und Lehrerkreisen von Hand zu Hand gereicht: Lernen (Spektrum 2002), Selbstbestimmen (Spektrum 2004), das sind umfangreiche neurologische Bücher über die Freude an der Neugier, die Lust an der Freiheit. Freude am Lernen macht klug, das weiß nicht nur der belebte Menschenverstand, sondern neuerdings auch die Neurologie, und davon will Spitzer berichten. Durch Bücher. Durch deren Verkörperung. Action! Positive Emotionen lassen das Gehirn aufleben, aber in deutschen Schülerhirnen ist nachweislich den ganzen Vormittag lang kein Funke zu messen, das emotionale Leben geht erst nachmittags los. Höchste Zeit, morgens schon Funken zu schlagen! Das Gehirn will lernen, es kann gar nicht anders!

Die Leute hier wollen das Buch und den Mann. Wer in Spitzers Vorträgen sitzt, kennt seine Bücher oder kauft sie doch gleich, 30 Prozent der Zuhörer werden nach dem Vortrag zu Käufern, weiß Spitzer. Schon ist eine DVD mit Spitzers Vorträgen im Entstehen. Spitzer macht froh. Denn wenn er auftritt, erlebt man eine Art Katharsis mittels Wissenschaft. Vielleicht muss man in der Tristesse der Hamburger Bildungspolitik diese Hunderte von Beamten über Stunden hinweg immer wieder schallend lachen gehört haben, um die Botschaft zu glauben.

Absichtlich haben die Veranstalter nicht im Abendblatt angezeigt, dass Spitzer auftritt, damit der Saal nicht aus allen Nähten platzt, wie es etwa in Schwäbisch Gmünd geschah, wo 7000 Leute in die Stadthalle wollten. Der Mann wird von Bierbrauern geladen, von Schulen, von Staatssekretären, von Daimler. Gerade hat er im Flugzeug der Lufthansa ein Interview für ihr Magazin gegeben, gestern erst kam er von Vorträgen aus Costa Rica zurück.

Dieses lebende Buch ist ein deutscher C4-Professor, Chef einer Uniklinik, Psychiater und Philosoph mit zwei Gastprofessuren in Harvard als Ausweispapier, Vater von fünf Kindern, Mitglied im baden-württembergischen Bildungsrat. Er könnte, sagt er, mit seiner frohen Botschaft nicht so durch die Lande ziehen, hätte er nicht die Ochsentour hinter sich. Nur ein C4-Professor darf so etwas. Sonst würde Spitzer als Luftikus gelten. So aber ist er der brillante Narr, man könnte auch sagen: Skeptiker, einer neurologischen Zunft, die sonst durch Gravierendes über die Determiniertheit des Menschen auffällt. Aber diese Feuilleton-Debatten tragen zur Genesung des Patienten Schule eben nichts bei.

Wäre er König, was würde er tun, damit die Schule sich ändert, fragt das Publikum. Das, was in guten Reformschulen längst passiert sei: Die Schüler sollten morgens beschließen, womit sie sich heute befassen wollen. Qualitativ bessere Betreuung müsse her. Kindergärten müssten umsonst sein und Unis dafür etwas kosten. Lehrer sollten lernen, was im Gehirn vor sich geht. Das Fernsehen sei eine Pest. "Aus neurobiologischer Sicht", sagt er und lacht. "Aber das wissen Sie auch ohne Neurologie."

Nach Stunden ist dieses lebende Buch zugeklappt. "Sie können das alles nachlesen", empfiehlt Spitzer zuletzt. Halt, und was im Gehirn der Unterschied zwischen dem Lesen eines Buchs und dem Vortrag von Spitzer sei? "Ach", sagt der Wissenschaftler, "das ist schwierig. Man müsste gut überlegen, welches Experiment den Unterschied nachweisen kann." Was auch froh macht: Ein Buch kann bellen, und das Lesen hinterlässt Spuren, die kaum nachweisbar sind.