Es ist ein trauriger Sieg für die Witwe des Toyota-Angestellten. Viel Geld bekommt sie dieser Tage vom japanischen Staat, als Entschädigung für den Selbstmord ihres Mannes. Lebendig wird er dadurch nicht.

Monatelang hatte der 35-jährige Autodesigner Überstunden gekloppt. Danach war der Mann innerlich ausgebrannt und schwer depressiv. Er sah keinen Weg mehr, dem Druck zu entkommen – und stürzte sich von einem Hochhaus in den Tod. Das war 1988. 15 Jahre lang kämpfte die Witwe. Erst kürzlich wurde die übermäßige Belastung am Arbeitsplatz vor Gericht als Ursache für den Freitod ihres Mannes anerkannt. "Seine Depressionen waren die Folge seiner Arbeit", urteilte in Nagoya der Richter Katsusuke Ogawa. Damit steht den Hinterbliebenen eine Kompensationszahlung von der staatlichen Versicherung für Arbeitnehmer zu.

Auch in jüngerer Zeit kam es in Japan immer wieder zu stressbedingten Suiziden. Die Zahl derer, die die berufliche Belastung in den Selbstmord trieb, nahm sogar zu: 43 Fälle waren es laut Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt im Fiskaljahr 2002, im Jahr davor 31 und 19 im Jahr 2000.

Neben der Zahl der Selbstmorde stieg auch die der spontanen Todesfälle am Arbeitsplatz. Dieses Phänomen wird in Japan karoshi genannt. 317 Menschen, die einen plötzlichen Herz- oder Hirntod gestorben waren, wurden im Fiskaljahr 2002 registriert. Im Fiskaljahr 2001 verschieden 143 Menschen in ihren Büros und Betrieben, im Jahr davor 85. Doch die tatsächliche Zahl der Toten, da sind sich die Fachleute einig, könnte sogar noch weit höher sein.

Für eine offizielle Anerkennung müssen die Hinterbliebenen nämlich aufwändig nachweisen, dass die Arbeitslast weit über dem üblichen Pensum lag. Direkt vor seinem Tod, so das Gesundheitsministerium, muss der Verstorbene entweder dreimal wesentlich länger ununterbrochen geschuftet haben als üblich, im Schnitt 24 Stunden rund um die Uhr. Oder er muss sieben Tage hintereinander doppelt so lange wie sonst malocht haben, mithin bis zu 16 Stunden pro Arbeitstag. Falls der Verstorbene kurz vor seinem Tod einen Tag frei hatte, fällt er nicht unter die Kategorie karoshi. Dabei spielt es dann auch keine Rolle, wenn er vorher monatelang massiv Überstunden leisten musste.

In Japan macht die Gesetzeslage es vielen Unternehmen leicht, Mehrarbeit einzufordern. So genannte freiwillige Überstunden – Arbeitszeit, die die Firma nicht bezahlt – sind ebenfalls keine Ausnahme.

Umstritten ist, ob der folgenschwere Fleiß, der zum Ansteigen der Todeszahlen führte, schon Vorbote der sich abzeichnenden Konjunkturerholung war (ZEIT Nr. 10/04) oder noch die Nachwirkung aus dem vergangenen Krisen-Jahrzehnt. Inzwischen brummt die Wirtschaft wieder, das emsige Nippon scheint zu seinen alten Tugenden zurückzufinden. Doch selbst in der Flaute verbrachten die Japaner viel Zeit im Job – aus lauter Angst, entlassen zu werden, wie Anwalt Hiroshi Kawahito vermutet.

Der Mediziner Yoshinori Hasegawa kommt in einer Studie überdies zu dem Schluss, dass die "innere Haltung" vieler Japaner dafür verantwortlich ist, dass sie sich buchstäblich zu Tode schuften: Viele karoshi- Opfer hätten sich, ähnlich wie einst heroische Samurai-Krieger, als Elitegruppe empfunden und sich deshalb "aus Samurai-Stolz" in den Tod gearbeitet.