Die gute Nachricht: Zurück in die Zeit vor der Wende wollen die Menschen im Osten nicht. Sie lassen "keine restaurativen Vorstellungen erkennen", heißt es im neuen, vergangene Woche veröffentlichten Sozialreport 2004. Die schlechte Nachricht: Noch nie haben sich die Ostdeutschen so wenig als Bundesbürger gefühlt wie gegenwärtig; sie kommen sich bei der anhaltenden Wirtschaftsflaute und der hohen Arbeitslosigkeit vor wie Bewohner einer benachteiligten "Sonderregion".

Jedes Jahr erforscht das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg die Gemütslage der Ostdeutschen. Dem jüngsten Bericht zufolge hat ihre Stimmung 2003 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nur noch 40 Prozent erklärten, sie seien "zufrieden" beziehungsweise "sehr zufrieden" mit den allgemeinen Lebensbedingungen in den neuen Bundesländern. 1999 hatten sich noch 59 Prozent zufrieden gefühlt. Rund 45 Prozent gaben jetzt an, ihre persönliche wirtschaftliche Lage habe sich in den vergangenen fünf Jahren verschlechtert; nur 13 Prozent sagten, sie habe sich verbessert. Zugleich ist die Angst vor noch weiteren Verschlechterungen gestiegen. Nur 21 Prozent sind "zufrieden" mit ihren Zukunftsaussichten, im Jahr 2000 waren es noch doppelt so viele. Es sind vor allem die desolate Lage auf dem Arbeitsmarkt und die damit verbundene Angst vor Arbeitslosigkeit, die den Pessimismus nähren.

Das durchschnittliche Nettoeinkommen in den neuen Ländern lag im vergangenen Jahr bei 940 Euro im Monat. Es ist somit gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent gesunken, das Einkommen der Frauen sogar noch stärker – um sieben Prozent. Frauen in Ostdeutschland sind weit häufiger arbeitslos als Männer, nehmen indes auch sehr viel seltener an Weiterbildungsmaßnahmen teil. 1990 waren noch 86 von 100 Frauen berufstätig, jetzt ist es nur noch jede Zweite.

Das hohe Maß an Zukunftspessimismus könne die soziale Stabilität langfristig gefährden, warnt der Sozialreport. So ist die Mehrheit der Ostdeutschen der Ansicht, die Sozialreformen dienten nicht den Bedürftigen, sondern der Sanierung der Staatsfinanzen sowie den Krankenkassen und Versicherungen. Damit verbunden ist ein sinkendes Vertrauen in Gesellschaft und Staat. Kaum jemand im Osten glaubt, dass die Arbeitsmarktprobleme gelöst werden. Vielmehr ist der Argwohn verbreitet, die Reformen verstärkten die Ungleichheiten zwischen Ost und West. Das hat Auswirkungen auf die Identifikation mit dem bundesrepublikanischen System: Nur 20 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich als "richtige Bundesbürger"; nach der DDR sehnen sich jedoch nur 11 Prozent zurück. Die große Mehrheit (65 Prozent) fühlt sich auf gewisse Weise heimatlos, sie will weder die DDR wiederhaben, noch identifiziert sie sich mit der Bundesrepublik.

Überaus deutlich ist auch der Riss zwischen den Generationen. Junge Menschen im Alter von 18 bis 24 Jahren sind durchaus optimistisch. Sie erwarten Verbesserungen in nahezu allen Lebensbereichen. Die Gruppe der 45- bis 59-Jährigen dagegen sieht schwarz. Sie rechnet mit noch mehr Verschlechterungen als der ohnehin schon pessimistische Durchschnitt.

Wenn die Ostdeutschen sich mit etwas verbunden fühlen, so etwas wie "Heimat" benennen, dann mit ihrer Gemeinde, ihrem Bundesland – und vor allem mit ihrem Teil Deutschlands. "Stark" oder "sehr stark" verbunden fühlten sich die Bürger in den neuen Bundesländern zu 58 Prozent mit ihrem jeweiligen Bundesland, zu 62 Prozent mit ihrer Gemeinde und zu 73 Prozent mit Ostdeutschland.