Dass es um "Kerneuropa" nicht gut stand, war in Berlin seit einer Weile zu hören, aber nun hat eine nationale und internationale Kapazität den Totenschein ausgestellt. Außenminister Fischer, der in einer Grundsatzrede vom Mai 2000 selbst mit einem Vereinigungs-Nukleus, einem "Gravitationszentrum" um Frankreich und Deutschland herum, geliebäugelt hatte, hat seinem Glauben abgeschworen. "Die klein-europäischen Vorstellungen", so Fischer zur Berliner Zeitung, "funktionieren einfach nicht mehr. Damit kann unser Kontinent die strategische Dimension nicht ausfüllen." Bei Fischers Umdenken war die Türkei-Frage zentral. Nach dem 11. September ist der Brückenschlag in die islamische Welt zu einer drängenden Notwendigkeit geworden; und einer zugleich muslimischen und demokratischen, einer europäisierten Türkei soll dabei eine Schlüsselrolle zukommen. Die Integration des Landes in die EU bekommt Priorität, und damit verändert sich die Orientierung der EU insgesamt. Der Blick muss mehr nach außen als nach innen gehen. Es kommt auf den Weiterbau des Mehrfamilienhauses an, nicht so sehr darauf, es sich in den eigenen vier Wänden immer gemütlicher zu machen.

So weit die strategische, historische, offizielle Begründung für die Abkehr von Kerneuropa. Der Begriff ist aber auch zum praktischen, taktischen Handicap geworden. Schon als die CDU-Politiker Lamers und Schäuble ihn 1994 prägten und als Fischer ihn 2000 variierte, mussten die Kerneuropäer immer ihren guten gesamteuropäischen Willen beteuern: Dass ein paar Staaten sich schneller und enger zusammenschließen wollten, sei nichts Exklusives, sondern eine Einladung an alle – die Avantgarde als Pioniertruppe, die für den ganzen nachfolgenden Tross das Terrain vorbereitet. Das ist seit dem Krisenjahr 2003 mit Irak-Krach und EU-Verfassungsstreit unglaubwürdig geworden. "Kerneuropa" ist seitdem eine Drohung, das Signal an die "ungezogenen" (Chirac) Polen, Spanier oder sonstigen Bremser, dass sie nicht wirklich gebraucht werden, dass die guten, eigentlichen Europäer auch anders können, nämlich allein.

In Berlin rechnet man jedoch nicht mehr damit, dass es ein solides, homogenes Kerneuropa überhaupt geben kann – wenn nicht mehr alle zusammen weiterziehen, so die gegenwärtige Einschätzung, kommt der Zerfall in ein Gewusel von wechselnden Gruppenbildungen. Die Drohung, sich auf der Schnellspur abzusetzen, verliert daher ihre Kraft und macht nur noch böses Blut. Fischer, der ja als lupenreiner Integrationsfreund und Gemeinschaftsgläubiger begonnen hat, wäre für Kerneuropa wohl immer noch zu haben, wenn er denn an den Erfolg glauben könnte. Seine Hoffnung auf die weitere Vertiefung der EU muss er jetzt darauf setzen, dass gerade das große, "strategische" Europa stärkere Brüsseler Institutionen und vereinfachte Entscheidungsmechanismen erzwingen wird. Das bleibt eine ungewisse Aussicht.

Es passt, dass Joschka Fischer seinen Bruch mit dem Kerneuropa-Modell kurz nach der Amerika-Reise des Bundeskanzlers öffentlich gemacht hat. Wo "Kerneuropa" gesagt wird, liegt der Gedanke an eine Gegenmacht nahe, wenigstens an ein Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten in einer "multipolaren Welt" Pariser Art. Eine Verbeugung vor diesen Großraumvisionen macht auch Fischer, wenn er das von ihm propagierte Europa auf einer Stufe mit Russland, Indien, China oder den USA agieren sieht. Aber letztlich ist der Abschied von Kerneuropa eine Wiederannäherung an Amerika, ebenso wie der neuerdings bekundete Wille, mit den Vereinigten Staaten bei der Modernisierung der islamischen Welt zusammenzuarbeiten. Die deutsche Außenpolitik hat damit begonnen, ihre Positionen aus der Zeit des Irak-Konflikts zu revidieren. Man fragt sich, was Frankreich dazu sagen wird.