Der Denkmalpfleger

Plötzlich, einen Tag vor Ende der sozialliberalen Koalition, habe Helmut Schmidt ihm leidgetan. Eine "tiefe menschliche Verletzung" sei bei ihm zu spüren gewesen, und zugleich sei er ihm als ein Mann begegnet, "dem es um sein Bild in der deutschen Geschichte ging". So zeichnet Helmut Kohl in seinen Erinnerungen das Bild des Vorgängers, so weit es in Auszügen in Bild und FAZ bereits nachzulesen war.

Noch flattern nur Ausrisse herum, offiziell wird das Buch erst an diesem Donnerstag vorgestellt, und die wirklich dramatischen Jahre ab 1982 sind einem zweiten Band vorbehalten. Doch wenn nicht alles täuscht, wirken die "Verletzungen" und die Suche nach dem "Bild in der Geschichte", die Kohl bei Schmidt wahrnahm, gerade bei ihm selbst wie bei keinem anderen Kanzler vor ihm nach. Er wollte ja gar keine Memoiren schreiben. Aber jetzt geht es darum, "Legenden" zu widersprechen, Falschem, Unwahrheiten, es geht um die Richtigstellung eines Lebenswerkes!

Man macht Kohl nicht nachträglich klein, wenn man sagt: Er selber hämmerte der Öffentlichkeit ein, dass ihm an der öffentlichen Meinung herzlich wenig gelegen sei. Das war zwar immer falsch, aber er setzte das Image durch. Bei jeder halbwegs passenden Gelegenheit fiel Kohl dem "Zeitgeist" in den Arm. Eine "Überschätzung der Möglichkeiten von Politik", schreibt er auch jetzt , habe sich leider sogar innerhalb der Unionsparteien ausgebreitet, als sie sich noch in der Opposition gegen Brandt und Schmidt befanden. Auch die eigenen Leute waren von dem Reformfieber der siebziger Jahre erfasst. Nur einer blieb standhaft. Kohl! Und natürlich glaubte Kohl mit der Zeit selbst an das Bild, das er von sich durchgesetzt hat.

Er wird daher auch nicht darüber gelacht haben, als jüngst in der FAZ von der "Inszenierungsverweigerung von Kohls Erinnerungen" die Rede war. Hat der Herausgeber Frank Schirrmacher das nicht kongenial erfasst? Ein Foto, das den Artikel zierte, zeigte die Banalität des Banalen: Kohl in einem spärlichen Arbeitszimmer, Souterrain, Kunstlicht, bonjour tristesse. Überhöht aber wurde es zum "deutschen Arbeitsplatz", zu einem "Ort größter symbolischer Verdichtung", den der Verfasser mit Dürers "heiligem Hieronymus im Gehäus" assoziierte, dem "Urbild des abendländischen Intellektuellen", das nun bald fünfhundert Jahre danach in Gestalt des Erinnerungsarbeiters Kohl wiederkehrt.

"Inszenierungsverweigerung"? Ganz im Gegenteil: Die Pilgerfahrten zum greisen Ernst Jünger, bei denen ausgewählte Journalisten Kohl begleiten durften, waren kein Verweigerungsakt. Kohl hat immer Zeitgeist-Tabus brechen wollen. Jetzt ist er am Ziel: Die Botschaft ist, eins zu eins, angekommen. Nur verhält es sich gerade umgekehrt: Die Verweigerung ist Trotz, sie ist Inszenierung. Es ist die Waffe des Verletzten, die Kohl benutzt.

Verletzungen sind das eine, das bleibt und treibt. Die meiste Mühe hat Kohl im Laufe der Jahre in die korrekte Fassung seines "Hauptwerks" investiert: die Wiedervereinigung. Wem wird sie gutgeschrieben? Dabei geht es nicht um Wunden, sondern um das "Bild in der Geschichte". Ganz unspektakulär fing das an mit dem Hader um eine Kohl-Biografie des Journalisten Karl Hugo Pruys, immerhin einige Jahre lang sein Parteisprecher, der ziemlich gut belegte, Kohl habe Hinweise auf das nahe Ende der DDR fahrlässig ignoriert. Der Einheits-Kohl empörte sich, Pruys geriet in Acht und Bann. Zur Feder griff Kohl allerdings erst später, als es unversehens hieß, die Ost- und Entspannungspolitik habe am Anfang der Implosion des Sowjetreichs gestanden. Den Springer-Journalisten Kai Diekmann und Ralf Georg Reuth diktierte Kohl daraufhin ein Buch ins Mikrofon gegen die "Legenden": Ich wollte Deutschlands Einheit. Das war mehr als ein Titel, das zu glauben war nun Vorschrift. Kohl wurde nicht "größer", sondern "kleiner". Beim Schreiben passierte ihm das immer wieder.

Er allein, darauf verkürzte er die Botschaft, habe als Kanzler an der deutschen Einheit festgehalten. Ein Leben lang. Immer. Ohne Irritationen. Durch dick und dünn. Botschaft angekommen? Selbstgerecht klang es und nach Geschichtsklitterung, geradezu unwahr in solcher Verkürzung. Aber es reichte noch nicht. Im Sommer 1998 veröffentlichte der Historiker Karl-Rudolf Korte eine voluminöse Untersuchung über die Deutschlandpolitik in Helmut Kohls Kanzlerschaft . Er griff darin auf Akten zurück, die nach internationalen Regeln erst nach dreißig Jahren publiziert werden dürfen, da auch die Gespräche mit ausländischen Regierungschefs minutiös wiedergegeben werden. Kohl aber hatte Korte und einem Team junger, ausgewählter Historiker Zugang verschafft. Erstens befand man sich im Wahljahr. Und zweitens, falls er sich als Kanzler verabschieden müsste, sollte lieber aktenkundig sein, dass nur er wie ein Löwe gegen die Angsthasen Mitterrand und Thatcher die Einheit durchgesetzt habe.

1999 stürzte er tief, nachdem die anonymen Spenden publik wurden. Jetzt schien das "Bild in der Geschichte" ultimativ bedroht zu sein. Der Machtversessenheits-Kohl erdrückte den Wiedervereinigungs-Helden. Ende November des Jahres 2000 schlug Kohl mit Mein Tagebuch 1998–2000 zurück. Er packte aus. Er wollte Revanche. Er grollte dumpf. Er könne sich nur wundern, giftete Kohl, wie Weizsäcker sich über das "System" Kohl auslasse, diesem "System" habe der doch alles zu verdanken. Er, Kohl, habe zwar Fehler gemacht. Die habe er eingestanden. Und damit solle Schluss sein mit dem Herumgehacke auf ihm.

Der Denkmalpfleger

Als die britische Journalistin Patricia Clough, die bereits ein kühl-verständnisvolles Buch über den Kanzler geschrieben hatte, nachfragte, ob er und andere nach dem Tod von Hannelore Kohl zu einem Gespräch über sie bereit wären, gingen endgültig alle Jalousien herunter. Sämtliche Freunde erhielten Sprechverbot. Über Kohl und die Kohls sollte es fortan nur autorisierte Schilderungen geben.

Die Pointe dieser Geschichte einer "Inszenierungsverweigerung" ist: Der lebenserfahrene Kohl, der so viel Anekdotisches und sogar Selbstironisches ausplaudern kann, machte das Bild von sich selber immer eindimensionaler und einfacher. Er reduzierte Komplexität, sogar die eigene, die es ja unleugbar gibt. Nur klare Linien sollten hervortreten. Stockschwarzes Elternhaus. Christlich. Anständig und gegen Hitler. Keine Reformeuphorie bei ihm. Konservativ. Bescheiden. Immer ein Ziel vor Augen. Keine Fisimatentchen. Punkt.

Im ARD-Film von Stephan Lamby und Michael Rutz, mit dem die Erinnerungen Ende des vergangenen Jahres schon mal angewärmt wurden, sagte Kohl scheinbar beiläufig, dass er "stur im Aushalten von Schmerzen" sei, die ihm andere zufügen wollten. Aber das war mehr als ein dahingenuschelter Nebensatz, darin verbarg sich die Hauptsache. So sieht er sich. Posen, ich? So sehr empört er sich darüber, dass noch die Abwehr als Pose erkennbar wird. Blüm ist enttäuscht? "Der Mann interessiert mich nicht!" Dem Generalsekretär Heiner Geißler hat er gesagt: "Du kannst deine Akten einpacken. Du wirst den Parteitag nicht vorbereiten. Du wirst kein Generalsekretär mehr sein." Fast spielte Kohl Kohl nach, wie er die Szene von damals vor der Kamera wiederholte. Für mich oder gegen mich. Schwarz oder weiß.

Warum zeigt er sich nicht generöser? Ganz einfach, Kohl will nicht. Er möchte offen sagen, wie tief ihn Strauß verletzt hat mit dem Kreuther Trennungsbeschluss im Jahr 1976, mit seinen hämischen Urteilen, dieser Mainzer sei "total unfähig", nie werde der Kanzler. Kohl muss noch die vernichtendsten Urteile über sich zitieren. Nicht der Vollständigkeit halber, nicht der Wahrheit wegen. Jeder soll kapieren, der Gedemütigte hat sich durchgesetzt.

Das ist Kohls Methode, sich zu stilisieren und zu illuminieren. Er möchte sich klein, ja kleinkariert und provinziell zeigen können: Klischees vertreiben, indem er sie auch noch bedient. Auch das gehört zum Bild des "Verweigerers". Demonstrativ hat er sich das Aquarium geleistet und die Strickjacke, und den Spott über "Birne" hat er erduldet. Und nun, da ihn Gott-und-die-Welt als Riesenstaatsmann loben, da zeigt er, dass er sich nicht mehr größer machen muss, als er ist. Ich wollte die Einheit! Und ein "passionierter Kaninchenzüchter" war ich auch!

Es geht nicht um ein Comeback, das weiß Kohl, es geht um Anerkennung für sein "Bild in der Geschichte". Dort sind die Siege von heute zu erkämpfen. Solange das nicht akzeptiert ist, schreibt er an seiner Legende. So lange wird er die Selbstinszenierung betreiben, die er zugleich dementiert. Aber für ihn ist das, was er schreibt, kein Denkmalbau, sondern die nackte Wahrheit. Wenn demnächst wieder einmal ein Auditorium applaudiert, dem er aus diesen Erinnerungen vorliest, dann treten ihm bestimmt Tränen in die Augen, Tränen der selbstergriffenen Rührung. So war das erst jüngst wieder, als die Fraktion ihn bejubelte, was er als gerechtfertigte Rehabilitierung empfand. Es werden echte Tränen sein, die er vergießt, aber er wird sie auch sehr gerne vorzeigen, ganz demonstrativ. Er kann es sich leisten, sich so in Szene zu setzen, wie er sich sieht.