Als die britische Journalistin Patricia Clough, die bereits ein kühl-verständnisvolles Buch über den Kanzler geschrieben hatte, nachfragte, ob er und andere nach dem Tod von Hannelore Kohl zu einem Gespräch über sie bereit wären, gingen endgültig alle Jalousien herunter. Sämtliche Freunde erhielten Sprechverbot. Über Kohl und die Kohls sollte es fortan nur autorisierte Schilderungen geben.

Die Pointe dieser Geschichte einer "Inszenierungsverweigerung" ist: Der lebenserfahrene Kohl, der so viel Anekdotisches und sogar Selbstironisches ausplaudern kann, machte das Bild von sich selber immer eindimensionaler und einfacher. Er reduzierte Komplexität, sogar die eigene, die es ja unleugbar gibt. Nur klare Linien sollten hervortreten. Stockschwarzes Elternhaus. Christlich. Anständig und gegen Hitler. Keine Reformeuphorie bei ihm. Konservativ. Bescheiden. Immer ein Ziel vor Augen. Keine Fisimatentchen. Punkt.

Im ARD-Film von Stephan Lamby und Michael Rutz, mit dem die Erinnerungen Ende des vergangenen Jahres schon mal angewärmt wurden, sagte Kohl scheinbar beiläufig, dass er "stur im Aushalten von Schmerzen" sei, die ihm andere zufügen wollten. Aber das war mehr als ein dahingenuschelter Nebensatz, darin verbarg sich die Hauptsache. So sieht er sich. Posen, ich? So sehr empört er sich darüber, dass noch die Abwehr als Pose erkennbar wird. Blüm ist enttäuscht? "Der Mann interessiert mich nicht!" Dem Generalsekretär Heiner Geißler hat er gesagt: "Du kannst deine Akten einpacken. Du wirst den Parteitag nicht vorbereiten. Du wirst kein Generalsekretär mehr sein." Fast spielte Kohl Kohl nach, wie er die Szene von damals vor der Kamera wiederholte. Für mich oder gegen mich. Schwarz oder weiß.

Warum zeigt er sich nicht generöser? Ganz einfach, Kohl will nicht. Er möchte offen sagen, wie tief ihn Strauß verletzt hat mit dem Kreuther Trennungsbeschluss im Jahr 1976, mit seinen hämischen Urteilen, dieser Mainzer sei "total unfähig", nie werde der Kanzler. Kohl muss noch die vernichtendsten Urteile über sich zitieren. Nicht der Vollständigkeit halber, nicht der Wahrheit wegen. Jeder soll kapieren, der Gedemütigte hat sich durchgesetzt.

Das ist Kohls Methode, sich zu stilisieren und zu illuminieren. Er möchte sich klein, ja kleinkariert und provinziell zeigen können: Klischees vertreiben, indem er sie auch noch bedient. Auch das gehört zum Bild des "Verweigerers". Demonstrativ hat er sich das Aquarium geleistet und die Strickjacke, und den Spott über "Birne" hat er erduldet. Und nun, da ihn Gott-und-die-Welt als Riesenstaatsmann loben, da zeigt er, dass er sich nicht mehr größer machen muss, als er ist. Ich wollte die Einheit! Und ein "passionierter Kaninchenzüchter" war ich auch!

Es geht nicht um ein Comeback, das weiß Kohl, es geht um Anerkennung für sein "Bild in der Geschichte". Dort sind die Siege von heute zu erkämpfen. Solange das nicht akzeptiert ist, schreibt er an seiner Legende. So lange wird er die Selbstinszenierung betreiben, die er zugleich dementiert. Aber für ihn ist das, was er schreibt, kein Denkmalbau, sondern die nackte Wahrheit. Wenn demnächst wieder einmal ein Auditorium applaudiert, dem er aus diesen Erinnerungen vorliest, dann treten ihm bestimmt Tränen in die Augen, Tränen der selbstergriffenen Rührung. So war das erst jüngst wieder, als die Fraktion ihn bejubelte, was er als gerechtfertigte Rehabilitierung empfand. Es werden echte Tränen sein, die er vergießt, aber er wird sie auch sehr gerne vorzeigen, ganz demonstrativ. Er kann es sich leisten, sich so in Szene zu setzen, wie er sich sieht.