Das Glockenspiel tönt, als käme es aus einer Spieldose, Schornsteine schmauchen, Buddelschiffe schwimmen in den Fenstern – bislang war Harlingen im holländischen Friesland eine terre de passage , links liegen gelassen auf dem Weg in Richtung Vlieland und Terschelling. Ein hübscher, aber unbedeutender Fleck auf der Landkarte. Immer öfter parken nun schnittige Roadster an den Grachten, tragen Menschen statt marineblauer Seemannsjacken nun Label wie Dolce & Gabbana, sprechen nicht über die Frachter aus Schweden oder Russland, sondern diskutieren über Charles und Ray Eames, Industriekultur. Fein artikulierte Sätze sind zu hören, mit Worten wie "stylisch" oder "Ambiente" mit französischem oder kalifornischem Akzent.

Die Farbtöne wechseln in der Zweierdusche

Magnet für die Design-Freaks sei die Riesenspinne, sagen die Harlinger. Ein blauer Schiffladekran auf vier Beinen, der aussieht wie ein fehl geklontes Insekt. Für die einen Industriedenkmal im Design der Sechziger, für die anderen das ungewöhnlichste Hotel der Welt. Hotel? Gosse Beerda möchte davon nichts wissen. Ein kalter Ostwind zerzaust sein Haar, er laboriert an einer Ohrenentzündung und unterstreicht: "Es ist kein Hotel, es ist ein Kran, in dem man übernachten kann." Geht Hotelzimmern die Idee der Unterbringung von Gästen voraus, faszinierte den 40-Jährigen die Funktion des Objekts. Er wollte den Hafenkran als solchen erhalten, aber um eine reizvolle Option erweitern: das Erlebnis einer ungewöhnlichen Nacht.

Eng aneinander geschmiegt, gleitet man durch eine schmale Röhre hinauf. Beam me up, Scotty, nennt Beerda diesen Part: das Einsteigen in den Prototyp des von ihm erfundenen Aufzugs, das Hinaufbeamen in das Herzstück des Krans, den der Journalist vor drei Jahren für den Wert eines Haufens Altmetall erwarb, dann abmontieren ließ und bis auf die letzte Windung penibel restaurierte.

In 17 Meter Höhe betritt der Besucher Raumschiff Enterprise: Metallwände, in warmes Rot getaucht, ein riesiges Panoramafenster mit Blick aufs Meer. Über Touchscreen werden Klimaanlage, der Plasmabildschirm und die wechselnden Farbtöne in der Zweierdusche gesteuert. "Gemeinsam zu duschen, die Farbe des Wassers auszusuchen – das bringt einfach Spaß", befindet Beerda, wirft sich aufs Bett und sagt, die liebsten Gäste seien ihm glückliche Paare.

Ein Herr der Liebesnester. Er schafft Spielplätze für Menschen, denen Nächte viel zu schade sind, um sie zu verschlafen.

Eine Treppe führt von der Suite in das Kranführerhaus. Durch einen Hebeldruck setzen sich 60000 Tonnen Stahl in Bewegung, das Monster dreht und windet sich hin und her. So wie Hafenarbeiter, die mit überdimensionalen Greifzangen Containerschiffe beladen. Backbord der Blick auf die Waddenzee, die Fähren und Inselkleckse am Horizont. Und wieder drehen und noch einmal – man bekommt nicht genug davon. Und weil manche Besucher nur noch in Kreisen schwelgten, ließ Gosse Beerda eine Sperre einbauen. Eingekreist? Gern – aber nicht 24 Stunden lang.

Am Kai fixieren Zuschauer den Pirouetten drehenden Stahlkoloss, als befürchteten sie, er könne jeden Augenblick losmarschieren. Hoch oben in der Kranführerkabine agieren neue Gäste, abgeschirmt durch zentimeterdickes Glas wie zwei Fische im Aquarium. Er, ein Glas Schampus in der Linken, die Rechte am Schalthebel. Sie, mit beringter Hand auf Gosse Beerdas weitere Mini-Hotels deutend. Den Leuchtturm, keine 100 Meter entfernt, und das britische Rettungsboot, das mit Teakholzbadewanne maritimen Liebesluxus garantiert.