Vor der Eröffnung der großen Otto-Mühl-Retrospektive im Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) machen ehemalige Opfer und Mitglieder seiner Kommune gegen den Künstler mobil. Sie erheben neue schwere Vorwürfe gegen den Aktionisten und Sexualverbrecher (ZEIT Nr. 10/04), der 1991 zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt worden war. Die Gruppe um den Unternehmer Hans Schroeder-Rozelle dokumentiert bislang unbekannte Fälle von pädosexuellen Übergriffen auf Kleinkinder, mehrfacher Vergewaltigung der ungefähr hundert Mädchen in der damaligen Lebensgemeinschaft sowie den Einsatz von Gewalt als "pädagogischer Maßnahme". Es herrschte Totenstille bei der Pressekonferenz, als ehemalige Mühlianer unter Tränen von martialischen Sexual- und Dressurakten berichteten. Ihre detaillierten Fakten sind durch eidesstattliche Erklärungen belegt. Schwere Vorwürfe erhoben die Exkommunarden auch gegen die österreichische Sozialdemokratie, die unter Kanzler Bruno Kreisky das Mühl-Experiment an Kunst und Mensch subventionierte und von den Folgen nichts mehr wissen will. Berichtet wird, wie Mühl hohe Beamten bestechen ließ, zum Beispiel in der Schulaufsichtsbehörde, die für die Genehmigung der Kommuneschule zuständig war. Angeblich wurden die Entscheidungsträger "mit Koitus und China-Teppich gekauft". Der MAK-Direktor Peter Noever wurde von den ehemaligen Kommunebewohnern bezichtigt, er würde das Mühlsche Wirken "aggressiv" verleugnen und verharmlosen. Fünf Monate lang, so heißt es, hatte sich Noever im Vorfeld der Ausstellung geweigert, die Exkommunarden überhaupt anzuhören. Diese hatten sich auf ihre Persönlichkeitsrechte berufen und gefordert, dass in der Wiener Ausstellung auf die Mühl-Opfer und auf den Kontext der gezeigten Bilder, Filme und Fotos hingewiesen werden müsse. In den Augen der Opfervertreter ist Noever befangen, weil er bei Mühl auf dessen zur Kommune gehörigen Inselterritorium auf Gomera zu Gast war, Reisekosten inklusive. Auch über sich selbst möchten die Mühlianer öffentlich Rechenschaft ablegen: "Wir hatten das Gehirn ausgeschaltet. Wir hielten uns für die neue Elite!" Die Opferakteure von einst wollen sich für die vierzehn "Kinderopfer" engagieren, die derzeit in der Mühl-Kommune in Portugal leben. Neun von ihnen treten als Sahara Baby Jazz Band bei der Mühl-Vernissage im Museum auf. Eine Woche später begleiten sie die "Miss-Austria-Wahlen" im Wiener Interconti-Hotel.