Ausnahmezustand im Bremer Auktionshaus Bolland & Marotz: Mit 640 Positionen wurde dort am vergangenen Wochenende der Nachlass des vor fast 40 Jahren verstorbenen genialen Autokonstrukteurs Carl F.C. Borgward versteigert. Im viel zu kleinen Saal drängte sich ein gemischtes Völkchen aus Autofans, Lokalpatrioten, Sensationshaschern und Bremer Bürgerinnen und Bürgern, die still von einer Ära Abschied nahmen oder motiviert ihre Bieternummern hochreckten. Und – das ist sehr selten – nur etwa zehn Prozent professionelle Händler beteiligten sich.

Bremen und Borgward, das war in der Nachkriegszeit eine Symbiose und eine unvergleichliche Erfolgsgeschichte, deren Niedergang Anfang der sechziger Jahre heute noch viele Fragen aufwirft. Goliath, Lloyd, Arabella, Isabella, Hansa 1500 sind die Namen der Mittelklasse-Karossen, die Borgward zum fünftgrößten Automobilhersteller in Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders aufsteigen ließen. Zuletzt beschäftigte die Firma rund 22000 Mitarbeiter. Zahlungs- und Absatzschwierigkeiten in den USA ließen den Bremer Senat eingreifen. Um sein Lebenswerk zu retten, überschrieb es Borgward 1961 ersatzlos dem Land – inklusive aller seiner Konstruktionszeichnungen und seines eigenen Privatwagens. Die Sanierungsmaßnahmen misslangen aber, das Unternehmen wurde (aus heutiger Sicht möglicherweise sinnlos) zerschlagen. Dass dennoch im Jahr 1965 alle Gläubiger komplett entschädigt werden konnten, hat Carl F.C. Borgward nicht mehr erlebt; er starb mit 73, zwei Jahre zuvor.

Die Witwe Elisabeth Borgward überlebte ihren Mann bis zum Jahr 2000. Sie ließ das Interieur in der Cap Horn benannten Bremer Villa bis auf den Kauf eines neuen Fernsehers über die Zeit unangestastet. Als der Auktionator Jörn Marotz es betrat, kam ihm das "wie eine Zeitreise in die fünfziger Jahre" vor. Zugunsten der elf Erben wurde zuerst das Haus verkauft und nun der bewegliche Hausrat versteigert. "Mein Vater war immer sehr rational", sagt die Tochter Monica Borgward, "er hätte das akzeptiert, so traurig es ist." Die vereidigte Sachverständige für altes und neues Glas hatte bereits 1994 eine Inventarliste mit Porzellan, Silber, Gemälden Bremer und Worpsweder Künstler aus dem 16. bis 20. Jahrhundert, Möbeln, Teppichen und Büchern aufgestellt, die nun als Grundlage für den Katalog diente. Der Auktionator schätzte den Gewinn auf 200000 Euro und dieser wurde am Ende übertroffen. Mehr als 90 Prozent gingen weg, und Bolland & Marotz sieht nun dem schmalsten Nachverkauf aller Zeiten, mit Objekten in einer einzigen Vitrine, entgegen, darunter die Bibel der Borgwards.

900 Euro war einem Liebhaber die silberne Zigarrendose mit Monogramm samt abgelagertem Inhalt wert, 1400 Euro erzielte ein lebhaft umkämpftes Fotoalbum Carrera Panamericana von 1954 mit handschriftlichen Bildunterschriften. Kein Interesse bestand an einem Isabella Combi, Baujahr 1960, für geschätzte 15000 Euro, der allerdings nicht aus dem Nachlass kam. "Den kennen wir schon", sagte ein Fan, "der steht schon länger zum Verkauf." Ein einzelner Blanko-Briefbogen der Carl F.C. Borgward GmbH brachte 28 Euro. Auf 380 Euro taxiert und auf das Dreifache vorgeboten, erstritt sich ein Liebhaber die in vielen Fotodokumenten abgebildete Konferenzgruppe mit neun Armlehnstühlen und einem runden, auf der Unterseite als Eigentum Borgwards mit Stempel ausgewiesenen Tisch für 1700 Euro. Das Haus der Geschichte in Bonn erwärmte sich für eine Plakette (170 Euro) und für einen Bettbezug aus Damast (25 Euro).

Bei den Gemälden liefen die Telefondrähte heiß: eine Venedig-Ansicht im Sonnenuntergang von Félix Ziem (1821 bis 1911) gehörte mit 28000 Euro zu den Spitzenstücken. Von geschätzen 8700 Euro ging es in schnellen Schritten auf 26000 Euro für das Gemälde Frau am Fenster bei der Zeitungslektüre von dem Lübecker Maler Gotthard Kuehl (1850 bis 1915) nach oben. Ein erstaunliches Interesse fand eine den Sommer darstellende Gartenskulptur aus Naturstein: Auf 1900 Euro geschätzt, wurde es für 12000 Euro verkauft.

Und mit einer kleinen Sensation konnte der Auktionator auch noch aufwarten. Das im Katalog mit "fälschlicherweise Carl Spitzweg zugeschriebene" Gemälde Frauen mit Knaben an der Bergkapelle stammt wahrscheinlich doch von der Hand des Meisters. Das erfuhr das Haus von dem 93-jährigen Galeristen, der das Werk einst an Borgward verkauft und sich nun gemeldet hatte. Es wurde zurückgezogen und soll nach Expertengesprächen demnächst wieder angeboten werden.