Wenn es einen Oscar, Grammy oder Echo in der Kategorie "Philosophischste Popdiva" gäbe, Beyoncé Knowles hätte ihn verdient: In einem Interview erklärte sie vorige Woche, dass sie zwar gelegentlich, wenn sie ganz viel Stress hat, Leute anschreit. In solchen Momenten sei sie aber gar nicht sie selbst, sondern eine fiktive Person, der sie den Namen "Sasha" gegeben hat. Der Ethikrat erahnt, auch für sich selbst, ganz neue Freiheiten.

Nur keine Angst, liebe Leser! Dieser Ethikrat wird, bei aller Überwindung, die ihn das kostet, nicht mit altsprachlichen Maximen begonnen noch mit frisch angelesener Lebensweisheit, goethescher Süffisanz oder wohlfeiler Dialektik! Kein "zwei Seelen wohnen, ach…", kein Nietzschesches "Dividuum", keine Rekurse auf den "inneren Plural" eines Novalis, kein "Ich ist ein anderer" à la Arthur Rimbaud; auch kommt keinerlei Psychoanalyse, kein Meyrinkscher Golem, kein Gregor Samsa und überhaupt nichts von Dostojewskij darin vor. Und falls ich irgendeinen Topos der klassischen Schizoidenliteratur vergessen haben sollte, verspreche ich, ihn ebenfalls nicht zu erwähnen. Stattdessen rufe ich Frau Knowles über die Weiten des atlantischen Meeres hinweg zu: "Phantastisch!" (G. Grimsen), "Sapientis sat!" (Plautus) – denn: "Teile und herrsche!" (Philipp von Makedonien).

Jede Ethik schleppt sich notwendig der lebendigen Entwicklung ethischen Empfindens hinterdrein, ähnlich, wie es schon Friedrich Karl von Savigny für das Jus erkannte, und so bleibt auch dem Ethikrat nichts, als die Pferdeäpfel aufzuklauben, die der Gang der Geschichte vor seinen Augen fallen lässt, und so gut es geht daraus schlau zu werden.

Sasha, dies der wohlgewählte Name des Knowlesschen Alter Ego, darf alles. Fremden Leuten Schuhe an den Kopf werfen, Zeter und Mordio schreien, wenn die Bläschen im französischen Mineralwasser zu klein oder zu groß sind, der indonesische Pedikürekünstler geschlampt hat oder das Sushi nach Sushi schmeckt. Sasha ist der wahre, der ewige Philosoph, denn nur sie ist imstande, all die Tugenden und Eigenschaften zu verwirklichen, die seit je vom Philosophen gefordert werden: Nil admirari! (Nichts bewundern!), Ne quid nimis! (Nichts im Übermaß!) und Nosce te ipsum! (Erkenne dich selbst!). Nämlich: Bewundert wird ausschließlich Sasha selbst, die Leibeigenen können nicht genug kujoniert werden, schon gar nicht im Übermaß. Und wer könnte sich besser erkennen als derjenige, der sich selbst nicht ethisch zu verantworten hat, da Sasha ja ein virtuelles Wesen und als solches kaum eine Person im ethischen Sinne darstellt? Es lässt sich sogar eine Verschmelzung jener Imperative denken, die in Sasha ihre letztgültige Verkörperung findet: Bewundere dich selbst im Übermaß!

Doch warum erst jetzt?, fragen wir. Womit hat unsere Zeit es verdient, der Schauplatz einer solchen Epiphanie höchster Weisheit zu werden? Warum mussten Jahrtausende ohne sie in fensterloser Finsternis darben, jeglicher nennenswerten Erkenntnis bar? Was hätte des erwähnten Philippos’ Sohn, Alexander (die russische Koseform von Alexander: Sascha!), darum gegeben, eine Sasha zu haben, um ihr die Schuld in diejenigen Schuhe schieben zu können, welchen er seinen Generälen zuweilen an den Kopf warf. Doch halt! Dies ist eine historische Inkorrektheit; es waren Äpfel, keine Schuhe, und genau genommen waren es auch nicht mehrere davon (Äpfel wie Generäle), sondern bloß einer. Indes hat sich nun auch der Ethikrat ein Alter Ego zugelegt, ein ganz böses, das auf den Namen "Hermann" hört und eine unverzeihliche Vorliebe für abgeschmackte Wortspiele und die Verdrehung historischer Tatsachen an den Tag legt. Was das Schlimmste ist: Es zitiert laufend Goethe.

Der Geheim-, pardon, der Ethikrat weist dafür jegliche Verantwortung zurück, doch: "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust!" Pfui, Hermann! Aus! Aus!