Ich bin kein Besitzstandswahrer. Ich bin nicht dieser Typ, über den sie alle in den Leitartikeln herziehen. Ich habe voll die Einsicht in die Notwendigkeit. Als sie die Praxisgebühr einführten, sagte ich: "Früher, wenn ich in die DDR oder in die Disco wollte, habe ich am Eingang ja auch zehn Mark bezahlt." Ich betrachte die Dinge gern im historischen Vergleich.

Am 4. Januar erklärte Helga Kühn-Mengel, das ist eine SPD-Politikerin, im Focus sinngemäß: Akute Notfälle müssen auch ohne Praxisgebühr zusammengeflickt werden. Alles andere sei unsozialdemokratisch. Wenn einer schon röchelt und du ihm als Arzt erst mal in der Brieftasche herumfuschelst, ist dies nicht im Sinne von August Bebel und Helga Kühn-Mengel. Außerdem müssen Kinder nicht zahlen, denn sie sind noch so klein. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt sind deshalb frei. Und Schutzimpfungen und Krebsvorsorge und Schwangerschaftsuntersuchungen ebenfalls, denn Schwangere sind staatlich erwünscht.

Ein paar Tage später stand in der Zeitung: "Wer nach einem Arbeitsunfall zum Arzt muss, ist von der Praxisgebühr befreit." Warum das jetzt, habe ich nicht kapiert. 2002 gab es 985000 Arbeitsunfälle. Ich habe grob zusammengerechnet und bin darauf gekommen, dass nach einer Woche schon zirka 25 Prozent der Patienten befreit gewesen sein müssen. Am 7. Januar stand in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Psychotherapieempfänger sind ebenfalls befreit. Am 12. Januar habe ich gelesen, dass es keine Praxisgebühr kostet, wenn eine Frau die Antibabypille verschrieben bekommt. Die Frau soll nicht sagen: "Wir müssen heute ein Kind machen. Ich konnte die Gebühr nicht zahlen."

Am 17. Januar hieß es in der Zeitung: Krebskranke, Aids-Kranke und Diabetiker sind befreit. Am 20. Januar wurde ergänzend hinzugefügt, dass auch Pflegebedürftige befreit werden. Am 21. Januar kam die Nachricht: Patienten, die dem Arzt bei der Behandlung sterben, sind anschließend frei. Wenn aber einem noch Lebenden Gewebe entnommen und mit der Post verschickt wird, das Gewebe aber erst nach seinem Tod beim Gewebeuntersuchungsarzt eintrifft, sei dies ein Sonderfall.

Am 24. Januar wurde verkündet, dass der Psychotherapeut doch etwas kostet, dass für die Pille eine Sonderregel gefunden wird, dass aber der ärztliche Notdienst nichts kostet. Zivildienstleistende seien befreit. Bundestagsabgeordnete dagegen nicht, weil dies der Bevölkerung zurzeit mental nicht vermittelbar sei.

Am 27. Januar hieß es, dass mehrere Krankenkassen aus Kulanz die Praxisgebühr für ihre Versicherten übernehmen. Am 16. Februar sagte die Ministerin Schmidt, dass die Praxisgebühr vielleicht wieder abgeschafft wird. Kanzler Schröder sagte: Nein, doch, sie bleibt.

Am 21. Februar ging ich zur Hautärztin, weil das Gewächs wieder da war. Die Hautärztin sagte: "Meines Wissens gilt die Praxisgebühr zurzeit nur noch für eine einzige Bevölkerungsgruppe, nämlich Personen, die Martenstein heißen. Aber Notfälle sind befreit. Ist nur ein Tipp."