Die knallen sich ab wie im Film, die Stimme des Freundes am Telefon hatte hoch und dünn und fassungslos geklungen: Ich bin hier in einem Café in der Bleibtreustraße, auf der Straße liegt einer, der hat Löcher in der Brust. Weiße Jeans, Armbanduhr, Blut, Polizei. Der Freund hatte für einen Tag in den Westen gedurft und war Zeuge einer Schießerei zwischen Zuhälterbanden geworden. Wir trafen uns danach im stillen, grauen Osten, wo so was nicht vorkam. Das Café Bleibtreu hieß damals, im Juni 1970, noch Bukarest. Danach machten die Apo-Studenten die Straße zu ihrem Quartier. Im Sommer nach dem Mauerfall bin ich ein paarmal hingegangen, um mir die Legende anzusehen. Vor dem Café wartete eine Frau, ihre Haare waren lang und dunkelblond. Als ich eine Stunde später das Café verließ, stand sie immer noch da, mit blassem, unbewegtem Gesicht. Wochen später sah ich sie an derselben Stelle, zwei Monate danach wieder. Ob noch gekommen ist, was sie erwartet hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Das Café mit Vergangenheit zeigt sich heute in zeitgemäßer Harmlosigkeit. Eine alte Messinglampe überm Tresen, Fotos von James Dean und John Lennon, an den schwarzen Möbeln ist die Farbe abgeplatzt. Drei Österreicher bestellen vormittags um elf Zigeunerschnitzel. Ein Vater frühstückt mit seinem Sohn, der Zwölfjährige spricht gepflegtes Hochdeutsch, sein Erzeuger berlinert. Neben der roten Telefonzelle sitzt auf rotem Sofa ein wild gelocktes Mädchen mit weichem Gesicht, pummelig auf eine kindliche Art. Der Schamane von Noah Gordon liegt vor ihr. Sie wähle ich aus, sie wird meine Bekanntschaft. Warum haben Sie gerade mich ausgesucht? Es ist immer Zufall, sage ich und nicht, dass sie mir in ihrer prallen Lackbild-Engelhaftigkeit wie eine Besänftigung der Erinnerung an die bleiche Wartende erscheint.

Ich bin eine Abenteuerin aus Barcelona, sagt Mireia Medina und lacht mit starken, weißen Zähnen: aventura, Abenteuer, verstehen Sie? Ich trinke manchmal einen Kaffee hier, bevor meine Arbeit losgeht, ich unterrichte nebenan in der Europaschule Spanisch für Kinder. Warum ausgerechnet Berlin? Mireia strahlt aus Samtaugen: Ich war 1990 das erste Mal hier, da war ich zwölf, da habe ich am Brandenburger Tor Leute gesehen, die mit Hämmern die Mauer weggehauen haben. Wenn man in den Osten kam, wurde es plötzlich unglaublich leise, das fand ich bemerkenswert. Im August 2000 stand ich mit meinem Koffer in Berlin.

Haben Sie sich allein gefühlt? Nein, nein, gar nicht, auf meiner ersten Party in Berlin habe ich meinen Freund kennen gelernt, Heiko, später den Tintenfisch aus Argentinien und die Taucherin aus Venezuela. Wir machen zusammen Theater für Kinder, Maremoto, ein Stück über das Meer, ich bin der Hammerhai. Warum sie so lange Fingernägel hat, will ich wissen. Die sind bloß aufgesteckt, sagt Mireia, das ist Therapie, ich – wie nennt man das –, ich knabbere an ihnen. Was ist wichtig für Sie, heute, in diesem Moment? Es ist Freitag, Wochenende, wir gehen in die MoMA, und tanzen. Ich ziehe meine neuen Stiefeletten an, schön spitz, schön unbequem.

Ab April studiert die Abenteuerin auf Lehramt, nächstes Jahr heiratet sie Heiko, wahrscheinlich bleibt sie in Deutschland, Mireia aus Barcelona hat das Abenteuer fest im Griff. Sie wartet nicht, alles ist da.