Befremdliches tat sich jüngst in der Comeback-Show bei ProSieben: Der Rap-Musiker Coolio überschüttete nach der geringschätzigen Aufnahme seiner Darbietung den Juroren und ehemaligen Nena-Keyboarder Uwe Fahrenkrog-Petersen mit Gummibärchen, um dann aufgebracht das Studio zu verlassen. Was trieb Coolio zu dieser Tat? Um das zu begreifen, müssen wir das Wesen des Comebacks erörtern.

Die Idee kennt man aus dem Strafrecht, das sich seinerseits auf das Bibelwort berufen kann, ein bußfertiger Sünder freue den Himmel mehr als 99 Gerechte. Darum gewähren auch irdische Juristen jedem das Recht auf eine zweite Chance. Die Popkultur machte sich das gern zu Eigen. Hier bewundern die Fans nicht das, was jemanden zum Star macht, sondern das, was es braucht, um einer zu bleiben. Wer an den Nebenwirkungen seines Erfolges nicht zerbricht, der überwindet sie, meint man, gereift und gestählt. Entsprechend respektvoll begegnet man dem Wiedergänger. Die vorausgegangenen Drogenexzesse, geplatzten Ehen, zertrümmerten Hotelsuiten werden gewürdigt wie bestandene Prüfungen.

Die Sache hat nur einen Haken: Das Comeback ist seinem Namen zum Trotz keine Leistung, die der Star erbringt, sondern eine Gnade, die ihm gewährt wird – und zwar von denen, die ihn zuvor fallen ließen. "Es ist still um ihn geworden", schreibt die Pop-Presse, wenn sie sagen will, dass einer seine erste Chance vertan hat. Und das ist wörtlich zu nehmen: Der Star ist wahrscheinlich noch so laut wie zuvor. Still wurden nur die Leute, deren Beruf es ist, andere ins Gespräch zu bringen. Ein wenig auf und ab belebt nun einmal ihr Geschäft; darum stricken sie nach dem Muster der Mode aus jeder noch so biederen Künstlerbiografie eine Seifenoper von Ruhm und Hochmut mit dem Comeback als Happy End – am liebsten eine Nummer zu groß.

Im Fall des Rappers Coolio etwa könnte man fragen, ob er jemals da war, wohin ProSieben ihn zurückbringen will. Wir jedenfalls kennen niemanden, der eine Coolio-CD besitzt. Wir kennen bloß seinen zehn Jahre alten Hit Gangsta’s paradise aus dem Soundtrack zum Comeback-Film von Michelle Pfeiffer. Die wiederum war nach Auskunft zeitgenössischer Quellen sechs Jahre zuvor mit Grease 2, dem Comeback der Discowelle, zum Teenager-Idol geworden. Das werden dieselben Teenager gewesen sein, die später Coolio hörten. Die Inflation der zweiten Chancen scheint das Comeback nicht gerade zu erleichtern, und man ahnt auch, weshalb.

Wer heute ein Comeback versuchen will, braucht nicht mehr jene Mischung aus Beharrlichkeit, Skandalwert, Glück und Talent, die einen Popstar wohl ausmacht. Es genügt Leidensfähigkeit. Das Elend der Madenfresserei angeblicher Stars im Dschungel begann mit den todtraurigen Oldie-Shows, wo One-Hit-Wonder von anno dazumal aufgeschwemmt und müde herunterleierten, was für tolle Zeiten das damals waren, ehe es still um sie wurde. Die Comeback-Show treibt es auf die Spitze. Sie gibt keine zweite Chance, sondern nimmt sie, indem sie die Kandidaten öffentlich degradiert. Wie Anfänger müssen sie um einen Plattenvertrag betteln, gepiesackt von Juroren, die selbst vom Unterhaltungsbetrieb ausgemustert wurden und nur noch bleiben dürfen, weil sie unverdrossen die Illusion nähren, die Popwelt sei gerecht. Ist sie aber nicht, und das wohl wollte Coolio uns zeigen, als er zu den Gummibärchen griff.