Auf den ersten Blick bieten Magersüchtige ein Bild sinnloser Selbstzerstörung. Die in 90 Prozent der Fälle weiblichen Opfer hungern, bis sie nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheinen. Nicht einmal die Hälfte von ihnen wird wieder völlig gesund, etwa jede zehnte Patientin stirbt an Unterernährung oder tötet sich selbst. Dennoch wirken die Kranken häufig keineswegs moribund, sondern entfalten mitunter enorme Energien. Auffallende körperliche Aktivitäten gelten sogar als Merkmal der Diagnose. Eine seltsame Krankheit also, welche nicht durch Leiden zu erholsamer Ruhe zwingt, sondern anscheinend ein psychobiologisches Aktivierungsprogramm ablaufen lässt. Aber welchen Sinn könnte ein solches oft selbstzerstörerisches Programm haben?

Die amerikanische Psychologin Shan Guisinger sucht die Antwort darauf in der Steinzeit. Damals, als sich die Menschen als Jäger und Sammler durchschlugen, kam es immer wieder zu Hungersnöten. Die meisten Urmenschen, vermutet die Forscherin, reagierten darauf mit Lethargie, um Energie zu sparen, bis es wieder Nahrung gab. Doch die Evolution, so Guisingers Theorie im Fachblatt Psychological Review (Nr. 4/03), setzte nicht alles auf diese Karte: Von einer Genvariante gesteuert, machten sich einige unserer Vorfahren auf, ihr Glück anderswo zu probieren. "Die Fähigkeit, nicht länger am Ort nach Nahrung zu suchen, sich rastlos und voller Energie zu fühlen, optimistisch zu verleugnen, dass man gefährlich abgemagert ist, konnte eine solche letzte, verzweifelte Anstrengung begünstigen", argumentiert die Psychologin.

Wirklich beweisen lässt sich diese Theorie nicht, doch sie wird von einer Reihe von Indizien gestützt. So reagiert der Körper von Magersüchtigen eigenartig auf ausbleibende Nahrung: Die Konzentrationen der Hormone, die Essen und Sattheit steuern, verändern sich genau in die entgegengesetzte Richtung als bei Verhungernden üblich. Körpereigene Opiate werden ausgeschüttet und machen euphorisch – "Du bist high wie ein Drachen", schilderte diesen Zustand eine Betroffene.

Dazu passen die jüngsten Befunde von Manfred Fichter, Leiter der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee. Er und amerikanische Genetiker stießen bei der Suche nach erblichen Veranlagungen für die Essstörung auf eine verdächtige Region im Chromosom 1. Dort fanden sie bei Erkrankten Varianten der Gene für – ausgerechnet – die Antennenmoleküle im Hirn, die auf körpereigene Opiate und den Botenstoff Serotonin ansprechen, der auch beim Essverhalten eine wichtige Rolle spielt. Eine vom US-amerikanischen National Institute of Mental Health geförderte internationale Studie soll diese Befunde nun erhärten.

Die Veranlagung für Anorexia nervosa, versichern Fichter und seine amerikanischen Kollegen, sei zu 50 bis 80 Prozent erblich. In solchen Genvariationen könnte also die Ursache für das von Guisinger propagierte evolutionäre Risikoverhalten zu suchen sein. Wenn die Theorie stimmt, müssten vor allem solche Völker zur Magersucht neigen, die noch vor relativ kurzer Zeit nomadisch lebten. Guisinger verweist auf eine Studie, laut der sich bei Indianern mehr Essstörungen finden als bei weißen Amerikanern. Allerdings werden in dieser Studie Magersucht und Essbrechsucht (Bulimie) zusammengefasst.

Ein Indiz für ein biologisches Programm liefern Shan Guisinger auch die an Magersucht erinnernden Symptome vieler Tierarten. Haben beispielsweise Ratten nur eine Stunde am Tag Zugang zu Futter, aber ein Laufrad im Stall, fressen sie immer weniger und rennen immer mehr. Normalerweise joggen Laborratten einen Kilometer am Tag, doch, am Hungertuch nagend, schaffen sie 20 Kilometer. Oft fressen sie schließlich gar nichts mehr. Wird das Experiment nicht abgebrochen, verhungern die Tiere, obwohl sie mit einer Stunde Futterzeit sehr wohl auskommen, solange kein Laufrad sie wie magisch anzieht.

Viele Psychologen stehen solchen Tiervergleichen skeptisch gegenüber. Sie suchen die Ursache der Krankheit eher im sozialen Umfeld, etwa in der Familie. Beweise haben sie jedoch nicht. Auch das häufig attackierte moderne Schlankheitsideal taugt nur begrenzt als Erklärung, obwohl es sicher eine Rolle spielt. Im Unterschied zu der oft im gleichen Atemzug genannten Essbrechsucht, die laut einer neuen Studie erst in jüngerer Zeit und ausschließlich in westlich geprägten Kulturen um sich greift, kannte man die Magersucht schon im Mittelalter; damals allerdings war nicht der Schlankheits-, sondern der religiöse Wahn daran beteiligt.

Nicht alle Magersüchtigen haben freiwillig mit dem Fasten begonnen. Nach den beiden Weltkriegen mit ihrer Nahrungsknappheit wunderten sich Hilfskräfte über Verhungernde, die zwar keinerlei Appetit, aber einen großen Bewegungsdrang verspürten. All das passt gut zur Theorie von Shan Guisinger: Ob religiöser Eifer, Diätwahn oder Mangel an Essen – gleichgültig, aus welchen psychologischen oder anderen Gründen Menschen in eine Zone kritischer Gewichtsabnahme kommen, tritt bei einigen das Flucht-vor-dem-Hunger-Programm in Aktion. Unter 1000 Frauen werden etwa fünf bis zehn im Laufe ihres Lebens magersüchtig. Gerade die Dünnen sind gefährdet, nicht etwa die fastenden Dicken. Vor allem Teenager leben mit einem erhöhten Risiko.