Der Franzose Jean-François Dehecq, Chef des Pharmakonzerns Sanofi-Synthélabo, liegt voll im Trend. Der Versuch, seinem Konzern den Konkurrenten Aventis einzuverleiben, entspricht der derzeit herrschenden Mode: Pharmakonzerne kaufen andere Unternehmen der Branche, Banken erwerben Banken, Versicherungen paaren sich mit Versicherungen, Automobilkonzerne mit anderen Autoherstellern.

Das modische Stichwort für Unternehmens- und Fusionsstrategen heißt Kernkompetenz. Aus diesem Grund werden auch Konzerne aufgespalten. Heute billigt der Bayer-Aufsichtsratsvorsitzende Manfred Schneider, was er als Vorstandschef vor drei Jahren als kostspielig, riskant und nicht erfolgversprechend abgelehnt hat: die Abtrennung der Leverkusener Chemie-Sparte.

Das Vorgehen des französischen wie des deutschen Topmanagers belegt, wie die Mode in den vergangenen Jahren gewechselt hat. In den siebziger Jahren war es modern, dass Unternehmensführer riesige Gemischtwarenkonzerne schufen. Ihr Motto: Je breiter dasAngebot eines Unternehmens, desto unabhängiger ist es von der Konjunktur in einzelnen Branchen. Außerdem sollte Größe vor feindlichen Übernahmen schützen, wie sie jetzt Sanofi-Synthélabo bei Aventis probiert. Inzwischen gelten die diversifizierten Konzerne als ineffizient und an der Börse als wenig attraktiv, obwohl beispielsweise General Electric – Mode hin oder her – weiterhin alle möglichen Unternehmen zusammenkauft und als Konglomerat zu den größten und erfolgreichsten Konzernen der Welt gehört.

Es sind eben nicht nur Couturiers, die Trends kreieren. Das tun auch Unternehmer, Wirtschaftspolitiker und Wissenschaftler. Von Lean Management oder Down Sizing, vor kurzem noch Heilsbringer für viele Konzerne, redet heute kein Mensch mehr. Der Keynesianismus, jahrzehntelang verpönt in Politik und Wissenschaft, wird in neuem Gewand langsam wieder modern.

Mode, heißt es in der Brockhaus-Enzyklopädie, sei "der sich wandelnde Zeitgeschmack in den verschiedensten Lebensbereichen". Ökonomische Moden werden gewechselt, wenn sich die alten zur Lösung aktueller Probleme als untauglich erwiesen haben – und manchmal auch nur, weil sie nach einer gewissen Zeit langweilen. Um Anhänger zu gewinnen und damit zur Mode zu werden, muss das Neue zumindest den Anschein erwecken, zum ersehnten Erfolg zu führen. Moden bedienen einen verständlichen, aber auch gefährlichen Hang des Publikums zu Heilslehren.

Moden können Fortschritt beschleunigen, aber auch Schaden anrichten, und zwar dann, wenn die übertriebenen Erwartungen, die an neue wirtschaftspolitische Konzepte, wissenschaftliche Theorien oder Unternehmens- und Managementstrategien geknüpft werden, überhaupt nicht erfüllt werden können. Moden bauschen auf. "Eine Betrachtungsweise, welche sich selbstbewusst Bahn bricht", räsonierte Max Weber schon Ende des 19.Jahrhunderts über die damals "in Mode gekommene" Ökonomie, "gerät in die Gefahr gewisser Illusionen und einer Überschätzung der eigenen Gesichtspunkte." Das gilt heute erst recht, wo Ideen und Informationen mit neuer Technik rasanter als damals verbreitet werden und zudem Medien oder Unternehmensberater als Verstärker fungieren.

Es wurde schon viel Geld vernichtet, weil viele Akteure Moden folgten, die sich als misslich erwiesen. Zu zählen sind ja nicht nur die Verluste, die sich direkt in Unternehmensbilanzen und Börsennotierungen niederschlagen. Von weitaus größerem Gewicht können die so genannten Opportunitätskosten sein – Gewinne, die entstanden wären, hätte man Kapital und Arbeitskräfte zugunsten alternativer Lösungen eingesetzt. Denn Moden beschränken – auf Zeit – den Wettbewerb von Ideen. Wenn Manager (oder Regierungen oder Wissenschaftler) mit Scheuklappen nur auf die gerade aktuellen Trends starren, werden alle übrigen Möglichkeiten ausgeblendet, obwohl sie vielleicht bessere Ergebnisse brächten. Dadurch werden Chancen für mehr Wohlstand verschenkt.

Die teuerste Mode der vergangenen Jahre – von Jung- und Altunternehmern, Bankiers, Wissenschaftlern und Politikern gemeinsam geschaffen – war die New Economy und in ihrem Gefolge die riesige Spekulationsblase an den Aktienbörsen. Dadurch wurde mehr Geld verbrannt, als je ein noch so liederlicher Finanzminister verschwenden kann. Gier, grenzenloses Vertrauen in die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien, ungezügelter Wachstumsglaube, Leichtfertigkeit waren die Antriebskräfte – kaum einer entzog sich dem allgemeinen Herdentrieb. Nicht einmal der Staat, der allerdings davon profitierte und 50 Milliarden Euro für die deutschen UMTS-Lizenzen kassierte – für eine inzwischen "vergessene Zukunftstechnik", wie die Süddeutsche Zeitung im Dezember schrieb.