Endlose Reformdebatten sind eigentlich eine Domäne der Politik. Doch nun hat es die harten Naturwissenschaften erwischt. Seit fünf Jahren trommeln australische Astrophysiker für eine Art demografischen Faktor in den Naturgesetzen. Sie spähen nach Lichtsignalen von entfernten Sternen und schließen aus den Farben des Sternenlichts: Eine der wichtigsten Zahlen der Physik, die Naturkonstante Alpha, hatte im frühen Universum einen kleineren Wert als heute (ZEIT Nr. 2/03). Jetzt hat die Konkurrenz nachgemessen und festgestellt: Quatsch, Alpha ist seit je konstant.

Der Streit zielt auf das Fundament der Physik. So ruht Einsteins Relativitätstheorie auf der Annahme, dass die Lichtgeschwindigkeit konstant sei. Die Quantenphysik wäre ohne die Planck-Konstante nicht denkbar. Und Newton fügte die Gravitationskonstante in seine Gleichungen ein, damit die Planeten korrekt umeinander kreisen. Die Naturkonstante Alpha hat in diesem System einen besonderen Stellenwert. Sie wurde eingeführt, um die Bahn der Elektronen um den Atomkern zu beschreiben. Außerdem ist sie aus anderen Naturkonstanten wie der Lichtgeschwindigkeit und der elektrischen Ladung des Elektrons zusammengesetzt. Die Folge: Schwankt Alpha, schwankt alles.

Entsprechend groß war die Unruhe, als die australischen Wissenschaftler um John Webb behaupteten, vor zehn Milliarden Jahren habe Alpha einen anderen Wert gehabt als heute, 1/137,037 statt 1/137,036. Die Nachricht löste eine erhitzte Debatte aus. Naturkonstanten auf den Prüfstand!, forderten die Modernisierer. Hände weg!, riefen die Traditionalisten.

Nun haben die konservativen Kräfte wieder Oberwasser. Zwei unabhängige Gruppen schauten noch genauer ins All. Ralf Quast und Dieter Reimers von der Hamburger Sternwarte widmeten sich zusammen mit ihrem russischen Kollegen Sergej Lewschakow einem besonders hellen Quasar. Mit 90-prozentiger Sicherheit hatte Alpha im frühen Universum den gleichen Wert wie heute, schreiben sie in einem Artikel, der in Kürze in Astronomy & Astrophysics erscheinen wird. Ein französisch-indisches Team hat 18 Quasare studiert und kommt zu einem ähnlich unspektakulären Ergebnis.

Unterstützt werden die Zweifler auch von Atomphysikern: Ekkehard Peik von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig sowie Physiker um Theodor Hänsch vom Max-Planck-Institut für Quantenoptik in Garching haben die Resonanzfrequenzen von Atomen gemessen. Auch sie konnten keine Hinweise auf ein schwankendes Alpha finden, jedenfalls nicht in den vergangenen vier Jahren. Allerdings müssten sie noch sehr viel genauer messen, um eine Drift von der Größenordnung der Sterndaten ausschließen zu können.

War die Aufregung um veränderliche Naturkonstanten also umsonst? Nicht ganz. In einer allumfassenden Theorie der Physik, nach der schon Einstein – vergeblich – fahndete, wären veränderliche Konstanten gar nicht so ungewöhnlich. Die australischen Ergebnisse waren eine willkommene Motivation, die Suche nach der Weltformel wieder zu verstärken. Die Australier analysieren derzeit die neuen Daten mit eigenen Methoden. In ein paar Monaten werden sie sicherlich neue Argumente auf den Tisch legen – wie alle ordentlichen Reformer.

Max Rauner