Manchmal gerät man in Zwangslagen, aus denen man sich nur durch drastische Maßnahmen befreien kann. Im vorigen Jahr geschah es einem Bergsteiger, dass er mit der Hand in einem Felsspalt stecken blieb. Er wusste, dass ihm niemand helfen würde, drei Tage lang hoffte er auf ein Wunder, dann hackte er sich den Unterarm ab. Es gehört großer Mut zu solcher Art von Überleben, denn man weiß ja vorher schon, dass man hinterher nicht mehr ganz derselbe sein wird. Die Süddeutsche Zeitung will sich jetzt aus ihrer ökonomischen Zwangslage durch den Verkauf von Büchern retten, beim Verkauf aber sollen die Redakteure helfen. Das heißt, die seriöse Presse soll um den Preis ihrer Seriosität saniert werden. Denn die Glaubwürdigkeit eines Kritkers besteht gerade darin, dass man von seinem Urteil annimmt, es sei von ökonomischem Interesse frei.

Fünfzig große Romane des 20. Jahrhunderts bietet der Süddeutsche Verlag vom 20. März an zum Preis von je 4,90 Euro feil. Es heißt, die italienische Zeitung La Repubblica habe 2003 mit einer ähnlichen Aktion 84 Millionen Euro Umsatz gemacht. Die Feuilletonredaktion der SZ muss nun die entsprechenden 50 Rezensionen verfassen, die man dann wohl Werbetexte nennen muss, es sei denn, ein Rezensent riete vom Kauf des betreffenden Buches ab. Dazu wird es jedoch nicht kommen, denn der Verlag, der stets schlauer ist, als die Redaktion denkt, hat dem Feuilleton die Titelauswahl überlassen – so stand es jedenfalls letzten Freitag in einer ganzseitigen Eigenanzeige. Viel Gutes, Schönes, gar Elaboriertes wurde angezeigt: Wolfgang Koeppen Das Treibhaus, Max Frisch Mein Name sei Gantenbein. Es sind zwar auch einige verdächtige Schmöker dabei, beispielsweise Milan Kunderas Unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Doch selbst wenn das Programm bloß aus Lieblingstiteln der Redakteure bestünde, wäre die Aktion fragwürdig.

Ein Redakteur darf an dem Buch, das er positiv bespricht, keinen Pfennig mitverdienen, er darf höchstens für seine Rezension bezahlt werden. Falls man den Unterschied zwischen diesen beiden Zahlungsweisen bestreitet, falls man den unabhängigen Journalismus, sobald er am Kiosk verkauft wird, ohnehin für einen Selbstwiderspruch hält, dann darf man diesen Widerspruch aber nicht noch absichtlich vertiefen. Egal, ob das Kapital des Kritikers in seiner kritischen Unabhängigkeit oder bloß in deren Illusion besteht, man muss sie, übrigens auch aus marktwirtschaftlichen Gründen, verteidigen. Die wertvollste Aktie einer Zeitung ist ihre Reputation.

In schwierigen Zeiten wächst die Versuchung, die Redaktionen mit dem Hinweis auf die Rendite zu ermäßigten Maßstäben arbeiten zu lassen. Die Berliner Zeitung hat eine 7-Minuten-Seite erfunden, offenbar in dem Wahn, dass eine Zeitung, die keine Zeitung mehr ist, eine lukrativere Zeitung sei. Perspektivisch ist so ein sich selbst demontierender Laden natürlich tot. Der Leser wird es bemerken, wenn eine Zeitung nicht mehr an sich glaubt. Der Verlagsgeschäftsführer der SZ Klaus Lutz sagt, man wolle sich aus der Anzeigenabhängigkeit befreien. Diese Freiheit ist aber leider nur bei Verzicht auf eine andere Freiheit zu haben, nämlich die redaktionelle Arbeit frei von Nebenabsichten zu halten. Vielleicht besteht das Glück des Geschäftführrers darin, dass er, im Gegensatz zu den SZ- Feuilletonisten, die Tragik der Situation nicht erfasst .