Nadschaf

Im Alter von 27 Jahren nahm der Tischler Nadir Dschumaili* eine Abkürzung ins Paradies. Er ging nach Nadschaf. In der heiligsten Stadt der Schiiten bewarb er sich um Aufnahme in eines der zahlreichen theologischen Seminare. Zehn Jahre ist das her. Inzwischen ist er selbst Lehrer, mit einigen wenigen Schülern, aber immerhin. Nadir ist auf dem Weg zum Allmächtigen ein gutes Stück vorangekommen. "Ich bedaure nur, dass ich nicht früher diese Entscheidung getroffen habe und hierher gekommen bin!"

Es besteht kein Zweifel. Nadir ist ein zufriedener Mensch. Gott und seine Frau beschenkten ihn mit zehn Kindern. Nadschaf verschaffte ihm die Mitgliedschaft in der hawza, dem Universum schiitischer Gelehrsamkeit, das größten Respekt unter den Schiiten genießt. Aus dem Tischler ist ein Mann geworden, der strahlt, sobald er über sein Studium spricht, seine Lehrer, seine Schüler – er ist so sehr mit Seligkeit durchtränkt, dass sie ihm aus allen Poren dringt.

Es ließe sich mit ihm trefflich über Gott streiten, hier in seinem kargen Gästezimmer, das so kalt ist in dieser Jahreszeit, dass auch ein zweiter Ofen, den er schnell herbeibringen lässt, kaum wärmt. Nadir liebt Disputationen über Gott und darüber, was er alles von frommen Gläubigen verlangt. Er bewegt sich gern im Abstrakten. Trotzdem kann er die Augen vor dem Diesseits nicht verschließen, nicht vor der Tatsache zum Beispiel, dass der Irak ein besetztes Land ist. Seine Heimat, besetzt von den Ungläubigen!

Politisch geschulte Islamgelehrte

Wie also soll die Zukunft des Iraks aussehen? Wie ist mit der Besatzungsmacht zu verfahren? Wie ist ein Bürgerkrieg zu verhindern angesichts des anschwellenden Terrors? An die 200 schiitische Gläubige starben allein am vergangenen Dienstag in Kerbala und Bagdad bei der blutigsten Anschlagsserie seit dem Sturz Saddam Husseins. Auch wenn die Politik nicht zu Nadirs Neigungen zählt, solche Überlegungen ist er gewohnt. Bei der Aufnahme in die hawza vor zehn Jahren fragte man ihn: "Was würden Sie tun, wenn Sie ein Führer unserer Gemeinschaft wären?" Diese Frage gehörte zum Prüfungsprogramm. Abschnitt: Politik.

Man kann sie ihm heute also noch einmal stellen: "Was würden Sie tun?"

"Ich verlange Wahlen. Innerhalb von sechs Monaten. Wenn dieser Zeitraum nicht eingehalten wird, dann rufe ich zum bewaffneten Widerstand auf!" Er denkt einen Augenblick lang nach und fügt hinzu: "Allerdings nur, wenn die Wahlen absichtlich verzögert werden, nicht wenn es technische Schwierigkeiten gibt." Er macht wieder eine Pause. "Übrigens ist das Spekulation, weil ich ja kein politischer Führer bin." Ein Lächeln huscht über sein bärtiges Gesicht.