Warum sie schwiegen

Da sich auf einer so einzigartig alten Bühne wie der römisch-päpstlichen sowohl Tragödien wie Komödien, wirkliche und scheinbare, leicht inszenieren lassen, hat sich so mancher Bestsellerautor gründliche Forschungsarbeit erspart – zumal wenn es um "Hitlers Papst" ging. Nun aber konnte ein Historiker sein Ziel, "hinter die Kulissen dieser nach außen scheinbar abgeschotteten Welt zu blicken", wirklich erreichen.

Peter Godman, der in Rom lehrende, leicht lesbar schreibende Professor (Jahrgang 1955), hatte Zugang zu Geheimdokumenten sogar schon bevor die vatikanischen Archive im Frühjahr 2003 der Wissenschaft geöffnet wurden: für die Jahre bis zum Tod Pius’ XI. (1939), dessen – seit 1930 aktiver – Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli dann vom Chefdiplomaten zum umstrittenen Papst PiusXII. aufstieg. Seine Berichte als Nuntius in Deutschland hatten weder Furcht noch Sympathie für den Nationalsozialismus gezeigt, und als sein Nachfolger Cesare Orsenigo aus Berlin im Mai 1933 den neuen Reichskanzler Hitler mit antisemitischen Anbiederungen an die Kirche zitierte, antwortete Pacelli auf päpstliche Anweisung: Da Frieden und Nächstenliebe allen Menschen jeder Religion und jeder condizione sociale gebühre, möge der Nuntius doch prüfen, "ob und wie es möglich wäre", sich in diesem Sinne einzusetzen.

Ob und wie? Nur sehr begrenzte Möglichkeiten bot das im Herbst 1933 unterzeichnete Konkordat Hitler-Deutschlands mit dem Vatikan; gleichzeitig jedoch begann dessen Heiliges Offizium streng geheim die nationalistische und rassistische Nazi-Ideologie ins Visier zu nehmen: Drei Professoren aus dem Jesuitenorden wurden beauftragt, über die verwerflichen Eigenschaften des Nationalsozialismus lange Listen zu verfassen, die so brisant waren, dass sie 1940 – als Hitlers Sieg zu befürchten war – zeitweilig in den USA versteckt wurden; jetzt werden sie im lateinischen Wortlaut mit Übersetzung auf über 60 Seiten zum ersten Mal dokumentiert.

Im Mai 1935 wurden in 47 Thesen diese Übel entlarvt: der götzendienerische ( idololatrious ) Nationalismus und Totalitarismus, der kriminell-religiöse Rassenkult und dabei ausdrücklich auch die politisch begründete "direkte Tötung einzelner oder vieler Menschen, ihre Verwundung, Verprügelung, Einkerkerung, Diffamierung, Verleumdung und dergleichen ". Im Oktober 1936 verurteilten 9 Thesen den atheistischen Kommunismus und 19 den totalitär-rassistischen Nationalismus, seinen Kriegskult und seine Menschenrechtsverletzungen durch Rassismus und antichristliche Aktionen.

Godmans Forschungsergebnisse zeigen, wie PiusXI. und Pacelli diese Urteile des Heiligen Offiziums "radikal überarbeiteten" und dabei, "geteilt zwischen Realismus und Wunschdenken", stets die "Opportunität" hinterfragten. Das Ergebnis war die päpstliche Enzyklika vom März 1937, die das NS-Regime tadelte, aber nicht verurteilte, und die nach fünf Tagen (!) durch eine viel schärfere, auch in Berlin willkommene Enzyklika gegen den Kommunismus gleichsam ausgeglichen wurde. Ob der Bolschewismus "ein Werk der Juden" sei, wisse er nicht, "aber den deutschen Juden ist bestimmt, aus dieser Nation zu verschwinden", schrieb der Berliner Nuntius schon 1935 nach Rom in einem Bericht, der jedoch nicht an das Heilige Offizium weitergeleitet wurde.

Konsultor dieser Vatikanbehörde – einer von ihren 21 Beratern – war auch der österreichische Titularbischof Alois Hudal, der als antisemitischer Deutschnationaler Brücken zu einem "christlichen Nationalsozialismus" schlagen wollte. Sein 1936 "mit Herzblut" dem "Siegfried deutscher Größe" (Hitler) gewidmetes Buch und seine 1976, 13 Jahre nach seinem Tod, gedruckten Memoiren, in denen er sich selbst hochstilisierte, werden von Godman so breit verarbeitet, dass Einfluss und Bedeutung Hudals (den der Papst seit 1934 nicht mehr empfing) überschätzt erscheinen.

Dieses bislang wohl objektivste Buch zum brisanten Thema kommt zu dem Schluss, dass PiusXI. und PiusXII., wenn sie schwiegen, nicht feige waren, sondern glaubten, weise zu handeln. Leider nur eine halbe Wahrheit.

 

Warum sie schwiegen