Anthony Rowley spricht Hochdeutsch mit bayerischem Singsang, sagt "i hab’" statt "ich habe", und wie er so hinter seinem Schreibtisch sitzt, in weißem Hemd, braunem Wollpulli und brauner Hose, würde niemand in ihm mehr den Briten erkennen. Rowley ist perfekt integriert; fast könnte man sagen: mutiert – vom nordenglischen Dorfjungen zum süddeutschen Akademie-Wissenschaftler.

Wie schafft es ausgerechnet ein Engländer in die Bayerische Akademie der Wissenschaften, obendrein noch auf den Posten als Leiter des Bayerischen Wörterbuchs ? "Vielleicht hat sich die Jury gedacht: Hauptsach’, es is koa Preiß", sagt Rowley lachend und fährt sich mit seinen großen Händen über den Vollbart. Nein, er habe sich seinerzeit, anno 1988, ganz normal auf die ausgeschriebene Stelle beworben. Beim Vorstellungsgespräch musste er zwar nicht bayerisch reden, aber doch glaubhaft versichern, dass er es kann.

In Anthony Rowleys Büro in München gelangt man über lange, dunkle Gänge und schlampig verlegte Teppiche. Umzugskisten stehen vor der Tür. Eine Renovierung der Elektroleitungen steht an. Der Büroraum selbst ist düster. Die Luft müffelt nach Bücherstaub. In dunkelgrünen Karteikästchen, die bis unter die niedrige Decke reichen und die alle mit Buchstaben beschriftet sind, befindet sich das heilige Archiv der Mundart-Wörter, das Herzstück von Rowleys Projekt.

Steckenpferd Fersentalerisch

Das Volksnahe der Sprache hat es dem britischen Forscher schon immer angetan. "Wenn ich Deutschlehrer ärgern will, sage ich: Mit der Literatur verdirbt man sich den Spaß am Lesen", sagt er schmunzelnd. Seine Kindheit verbrachte der 1953 geborene Rowley im nordenglischen Yorkshire, einem Gebiet, in dem man von der Schafzucht lebt und stolz den englischen Dialekt Tyke pflegt. In der Schule in Skipton lernte er Latein, Französisch und Deutsch und entschied sich danach für ein Studium der Linguistik. Von England kam er Anfang der siebziger Jahre nach Regensburg, weil sein Professor dorthin Kontakte hatte. Er erhielt ein Stipendium – und blieb. 1978 wechselte er nach Bayreuth und wurde von dort nach München berufen. Inzwischen ist er mit einer Frau aus dem Donautal verheiratet, und seine zwei Kinder parlieren in reinem Augsburgerisch.

Sprachliche Anpassung ist für Anthony Rowley ein Indiz für soziale Integration. So beschäftigte er sich schon in seiner Dissertation damit, ein Dialektwörterbuch über eine Sprachinsel in Oberitalien zu erstellen. Das "Fersentalerische" spricht er heute noch fließend, es ist sein Steckenpferd geblieben. Für das bayerische Wörterbuch hat er den Aufwand jedoch erheblich vergrößert. Um alle relevanten Begriffe aus Altbayern und Schwaben in seinem Archiv zusammenzutragen, greift er auf die Dienste von 500 freiwilligen Helfern zurück – Studenten, die ihre Großeltern ausfragen, Heimatvereinen oder Dialektstammtischen. Sie finden über Zeitungsinserate oder durch Mundpropaganda zu Rowleys Projekt und füllen vier- bis sechsmal pro Jahr lange Listen aus, in denen Bedeutungen von Wörtern abgefragt werden. Auch Dialektliteratur und aktuelle Zeitungen werden akribisch ausgewertet. So zitiert ein Kollege Rowleys, der eben mit braunen Plüsch-Hausschuhen durch die Flure der Akademie schlurft, eine Schlagzeile aus dem Münchner Merkur: "Christian Ude, oide Wurschthaut"– eine eher freundliche Anrede für den Münchner Oberbürgermeister, die so viel wie "alter Kumpel" bedeutet.

Das Wörterbuch ist – als typisches Akademievorhaben – ein Langzeitprojekt. Voraussichtlich wird es 2050 fertig sein. Johann Andreas Schmeller, dessen Bild in Öl an Rowleys Bürowand hängt, hatte bereits 1827 bis 1837 ein bayerisches Wörterbuch an der Akademie erstellt, das erste seiner Art in Deutschland. Danach ging die Wörterjagd weiter – allerdings stockend, weil die Weltkriege dazwischenkamen. 1960 begann man die vielen Zettelchen und Fragebögen, die sich über die Jahrzehnte angehäuft hatten, alphabetisch zu sortieren. 1995 erschien schließlich der erste Band des Bayerischen Wörterbuchs , bei dem Rowley die Federführung hatte, er umfasst die Buchstaben A bis B wie Bazi. Darauf folgen jährlich kleinere Bände, damit der Geldgeber, das bayerische Wissenschaftsministerium, weiß, ob und wie das Projekt voranschreitet.

Dass es auch schneller gehen kann, hat Rheinland-Pfalz bewiesen: Das Pfälzische Mundartwörterbuch haben Mainzer Redakteure der Akademie der Wissenschaften in einer "Rekordzeit" von 33 Jahren verfasst. Aber gut Ding will bekanntlich Weile haben. Das Schweizerische Idiotikon, an dem seit 1881 geschrieben wird, ist heute noch nicht fertig. Die Wissenschaftler in Zürich stecken mitten im Buchstaben W.