Ein guter Gehstock ist nicht dafür gemacht, den Boden zu berühren. Der elegante Spaziergänger kauft im Fachgeschäft in der Passage JouffroyIllustration: Daniel Matzenbacher für DIE ZEIT; Fotos [M.]: Ginies/SIPA; Jan Sagl/Anzenberger; Gamma/Studio XEinmal im Monat, wenn der Wächter frühmorgens die Gittertüren aufgeschlossen hat, betritt ein elegant gekleideter älterer Herr die kleine Passage Verdeau im 9. Pariser Arrondissement. Noch liegt die altmodische Ladenstraße in tiefem Schlaf. Hoch unter dem Gewächshausdach hallen die Schritte auf dem blank gescheuerten Steinfußboden wider. Mit ihren schmiedeeisernen Straßenlaternen und der geschmückten Wanduhr wirkt die Passage selbst wie eine kostbare Vitrine. Der Herr ist der Eigentümer des Ladens Nr. 9, in dessen Schaufenster Kunst- und Ausstellungsplakate hängen. Er schließt seine Glastür auf, holt Putzmittel heraus und reinigt liebevoll die große Glasfront, die filigranen Metallrahmen und die Türschwelle. Nach einer guten Stunde verschließt er sein Geschäft wieder, prüft noch einmal mit Genugtuung die ganze Pracht und geht fort.

Sein Laden ist nie geöffnet, er verkauft nichts. Passanten müssen schon eine Weile durch die Lücken zwischen den Plakaten spähen, bis sich ihre Augen an das pechschwarze Interieur gewöhnt haben. Schemenhaft zeichnen sich dann einige leere Regale und ein paar Stühle ab. Die Wunderkammer ist leer.

Das geht so seit 25 Jahren, sagt die Barfrau im Bistro nebenan. Der Wirt pflichtet ihr bei: Niemand kenne den Namen des Eigentümers, kein Kunde sei jemals dort gewesen, trotzdem sei der Laden weder zu verkaufen noch zu vermieten. Der Antiquitätenhändler vom Cabinet des Curieux gegenüber vermutet, dass es sich um jemanden handelt, der seinen über Generationen vererbten Familienbesitz wie eine Trophäe pflegt, ohne daraus Nutzen ziehen zu wollen. Einfach ein Stück Raum im Wandel der Zeit, ein Laden, der wie ein Sammelobjekt der Verwertung entzogen ist, ein Wirtschaftsgut, das keinen Warencharakter mehr hat, sondern nur noch Selbstwert.

Sammeln, so heißt es, ist praktisches Erinnern. Und kaum ein Ort ist dafür geeigneter als die Passage Verdeau, die 1847 von einer Aktiengesellschaft errichtet wurde, aber längst in Einzeleigentum parzelliert ist. Ihre Besitzverhältnisse datieren auf Zeiten zurück, die keiner der heutigen Passagenbewohner mehr kennt. Auch die Concierge, deren Remise von der Passage abzweigt, kann uns nicht weiterhelfen: "Sie müssen so lange wiederkommen, bis Sie den Herrn irgendwann einmal treffen."

Es sind nur knapp 100 Schritte, die die Passage Verdeau zwischen ihren beiden Eingängen an der Rue Faubourg Montmartre und der Rue de la Grange Batelière misst. Sie ist eines der ruhigsten und unspektakulärsten Exemplare dieser weltberühmten städtischen Höhlengänge, durch deren Glasdächer das Licht sommers wie winters wie weißer Staub fällt. Ein durchlaufendes Röhrensys-tem führt von der Passage Verdeau in die Passage Jouffroy und die Passage des Panoramas. Die Bewohner des Quartier Drouot, das seinen Namen vom ältesten Kunst- und Auktionshaus der Welt nebenan hat, durchqueren die Verdeau in einer Minute, weil sie der kürzeste Weg zwischen der École Maternelle am unteren Ende und den Lebensmittelgeschäften in der Rue Cadet auf der anderen Seite ist. Touristen verweilen etwas länger vor den wertvollen alten Holzkameras im Schaufenster von Photo Verdeau, den Stickereien von Bonheur des dames oder den Auslagen der Antiquare. Ausdauernder sind nur die Liebhaber und Sammler, die im Cabinet des Curieux die Neueingänge an asiatischen Dolchen, afrikanischen Masken oder Grabbeigaben aus aufgelassenen Friedhöfen studieren.

Obwohl wir vor gut einem Jahr ins Quartier Drouot gezogen sind und seitdem alle Geschwindigkeiten der Passage ausprobiert haben – die täglichen Besorgungsgänge, die kleinen Promenaden an verregneten Wochenenden und die ausgedehnten Besuche bei den Antiquaren –, haben wir es bislang nicht geschafft, das Tempo des Sonderlings vom Laden Nr. 9 zu erreichen. Immer waren wir entweder zu früh oder zu spät, um dem Herrn zu begegnen. Einmal, es war kurz vor Weihnachten, müssen wir ihn um Minuten verpasst haben, da auf den Steinplatten vor seinem Laden noch kleine Wasserlachen standen, die von dem frischen Reinigungswerk kündigten.

"Es gibt weniges in der Geschichte der Menschheit, über das wir soviel wissen wie über die Geschichte der Stadt Paris", notierte Walter Benjamin in den dreißiger Jahren. Bereits der Katalog der kaiserlichen Bibliothek, der unter NapoleonIII. herauskam, enthielt unter dem Stichwort Paris über 100 Seiten, und darin war nur ein Bruchteil der Sonderliteratur enthalten, die es über jede Straße, jedes Bauwerk und auch jede Passage gab. Und obwohl seitdem die Paris-Literatur ins Unermessliche gewachsen ist und jeder Pflasterstein der Hauptstadt von allen Seiten untersucht und beschrieben sein dürfte, kann man mit Gewissheit annehmen: Derjenige, dem es gelänge, das seit einem Vierteljahrhundert währende Geheimnis des Eigentümers von Nr. 9 zu lüften, könnte in dieses aufgeschlagene Riesenbuch der Zivilisationsgeschichte sicherlich eine neue und aufschlussreiche Episode einschreiben.

Passer, passé, passager: vorübergehen, vergangen, flüchtig – auf die über 100 Pariser Passagen, die in den vergangenen 200 Jahren gebaut und wieder abgerissen wurden, mag dieser Wortstamm in banalem Sinne zutreffen, eben weil sie verschwunden sind. Aber die 16 bis heute erhaltenen Exemplare, die sich auf wenigen Quadratkilometern im Halbkreis der Grands Boulevards am nördlichen Seine-Ufer ballen, zeigen im Gegenteil eine geradezu monumentale Dauerhaftigkeit, in der die Menschen kommen und gehen, aber das Rätsel der Zeitlosigkeit bleibt. Es ist fast gespenstisch, wie aktuell sich Walter Benjamins Passagen-Werk heute noch liest, jene Urgeschichte der Moderne, die der Berliner Philosoph aus Tausenden von Briefen, Chroniken, Romanen, Reiseführern und Zeitungsartikeln aus dem Paris des 19. Jahrhunderts konstruiert hatte.