Eine vornehmere Geschäftslage ist in Paris kaum zu finden. Wenn kurz vor Mitternacht die Schickeria anrückt, um in der Lebensmittelabteilung des Monoprix an den Champs Elysées für das Sektfrühstück einzukaufen, hat Michel Blamchard, 33, alle Hände voll zu tun. Seit zehn Jahren füllt er die Regale des Supermarktes, der wegen seines späten Ladenschlusses in ganz Paris beliebt ist.

Blamchard ist einer von knapp drei Millionen Franzosen, die den gesetzlichen Mindestlohn Smic (Salaire minimum interprofessionnel de croissance) beziehen. Er lebt in einer neun Quadratmeter großen Dachwohnung mit Waschbecken und Außentoilette an der Avenue Montaigne und zahlt dafür 300 Euro Miete: "Mehr ist für 1100 Euro brutto im Monat nicht drin." Nach Abzug von Miete, Sozialbeiträgen und dem Unterhalt für seine Kinder bleiben ihm gerade mal 600 Euro. Deshalb arbeitet er zuweilen noch für ein Taschengeld im Zeitungskiosk nebenan.

Bereits 1950 führte die französische Regierung die Mindestlöhne ein. Mittlerweile erhalten 13 Prozent aller abhängig Beschäftigten den Smic, zu Beginn der neunziger Jahre waren es noch 8 Prozent. Der minimale Stundenlohn beträgt derzeit 7,14 Euro, davon ausgenommen sind Jugendliche, Auszubildende und Behinderte.

Anfangs arbeiteten die meisten Smic-Bezieher in Landwirtschaft und Industrie, heute sind sie mehrheitlich als Hilfskräfte in Gastronomie und Haushalt (35 Prozent), im Handel (20 Prozent) sowie in Erziehung und Gesundheit (15 Prozent) tätig. Vor allem Frauen und jüngere Kräfte erhalten den Mindestlohn, und sie arbeiten meist in Kleinstbetrieben. Bei Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten beträgt der Smic-Anteil hingegen nur knapp 5 Prozent.

"Gäbe es den Smic nicht, würde fast die Hälfte der Betroffenen weniger als den Mindestlohn verdienen", sagt Roland Metz, Tarifexperte der radikalen Gewerkschaft CGT in Paris. Der Smic ist für den Gewerkschafter zudem ein wirksames Mittel gegen das drohende Lohn-Dumping durch die Osterweiterung der EU.

Doch auch der Arbeitgeberverband Medef ist kein prinzipieller Smic-Gegner. Denn zum Ausgleich für die höheren Lohnkosten erhebt der Staat keinen Arbeitgeberanteil auf den Mindestlohn, um auf diese Weise die Beschäftigung zu fördern – für die Unternehmen eine spürbare Entlastung. "Wir protestieren lediglich gegen die Lohnspirale der automatischen Erhöhungen", sagt denn auch Arbeitgebersprecher Jean-François Baron. "Denn der Mindestlohn hat sich dadurch von der Entwicklung der Produktivität längst abgekoppelt." Das wiederum führe dazu, dass immer mehr Jobs unrentabel werden und verloren gehen.

Der Sozialexperte Eric Heyer vom Pariser Wirtschaftsforschungsinstitut OFCE sieht das anders. Den Zusammenhang von Stellenstreichungen und Mindestlohn hält er keineswegs für ausgemacht. Denn gerade die Geringverdiener geben ihr Geld sofort wieder aus und fördern so die Nachfrage. Heyer: "Das Absinken des Konsumniveaus ohne Smic hätte gesamtwirtschaftlich negativere Folgen als die Möglichkeit, dass manche ungelernten Kräfte mit einem Mindestlohn überbezahlt wären und deshalb unbeschäftigt bleiben."