Es ist kalt, fast null Grad, und nass. Azim tippelt fröstelnd von einem Bein aufs andere und versucht sich möglichst direkt unter der Klimaanlage zu positionieren, aus der warme Luft geblasen wird. Der 39-Jährige ist Sicherheits-Offizier. In seiner blauen Uniform bewacht er eine Filiale der Drogeriekette Boots im Osten von London. Azim ist seit zwölf Jahren in dem Geschäft. "Der Job ist cool", meint er, "hier gibt es viel Kriminalität, und ich gebe den Kunden das Gefühl, dass sie sicher einkaufen können." Und die Bezahlung? "Ja Mann, nicht schlecht, 4,50 Pfund die Stunde."

Azim arbeitet für den Mindestlohn, der 1999 von Tony Blair eingeführt wurde. Der Mindestlohn ist das sozialistische Feigenblatt von New Labour. Derzeit profitieren rund 1,5 Millionen Menschen von ihm, 70 Prozent davon sind Frauen und 15 Prozent Jugendliche unter 22 Jahren. Eine Kommission aus Vertretern der Regierung, der Arbeitgeber, der Gewerkschaften und einigen Wissenschaftlern legte den Mindestlohn ursprünglich auf 3,70 Pfund fest. Man war sich einig: Auf diesem Niveau kostet er weder Arbeitsplätze, noch erhöht er die Inflation. Der Mindestlohn sei ein Werkzeug, so die Kommission, um "in einer Gesellschaft mit erheblichen Lohnunterschieden mehr Gleichheit am Arbeitsplatz zu schaffen".

Wie ernst es der Regierung damit ist, lässt sich daran ablesen, dass sie keine andere Arbeitsgesetzgebung so stark überwacht. Jeder Unternehmer muss in seiner Steuererklärung nachweisen, dass er sich an die Regelung hält, und über ein Sorgentelefon kann jeder Arbeiter direkt nach dem langen Arm des Gesetzes greifen, um den Mindestlohn von seinem Boss einzufordern.

Der britische Mindestlohn darf also als Errungenschaft im Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit gelten. Eine Errungenschaft, die zu Zeiten sinkender Arbeitslosigkeit, steigenden Wirtschaftswachstums und eines extrem niedrigen Lohnniveaus eingeführt wurde. "Noch in den achtziger Jahren gab es Arbeiter in Textil- oder Schuhfabriken, die für 90Pence in der Stunde arbeiten mussten", erinnert sich Paul Sellers vom Trade Union Congress, dem Gewerkschafts-Dachverband. Wie in Deutschland waren die Gewerkschaften lange gegen die Einführung gesetzlicher Regeln. Mit Tarifverträgen könne man mehr rausschlagen, lautete das Argument. Als dann die Arbeitslosigkeit gegen Ende der achtziger Jahre anstieg und Margaret Thatcher die Gewerkschaften geschwächt hatte, kippten die unions um.

Selbst die Arbeitgeber arrangierten sich mit dem Mindestlohn. Der Industrieverband CBI unterstützte die Einführung, weil die Höhe "mit viel Rücksicht auf die wirtschaftlichen Gesamtzusammenhänge" bestimmt wurde. Auch im Institute of Directors verursacht das Thema Mindestlohn "nur wenig Schrecken", wie der Chefökonom der privaten Arbeitgebervereinigung Graham Leach bestätigt. Ein Mindestlohn wirke sich zwar prinzipiell negativ auf den Arbeitsmarkt aus. "Doch solange die Wirtschaft robust genug ist und weiter wächst, mag das in Kauf genommen werden", meint Leach. Immerhin ist die Arbeitslosigkeit in Großbritannien so niedrig wie seit 50 Jahren nicht. Wie lange allerdings der Lohnkonsens hält, ist fraglich. Für Oktober steht die nächste Erhöhung ins Haus, auf 4,85 Pfund. Angesichts unsicherer Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung halten die Arbeitgeber ihre Zustimmung noch zurück.