Am 19. Februar meldete die Bürgerrechtsorganisation ACORN ihren jüngsten Erfolg: Im Bundesstaat Florida unterzeichneten mehr als 50000 Einwohner eine Petition für einen höheren Mindestlohn. Er soll künftig einen Dollar über dem bundesweiten Standard von 5,15 Dollar liegen. Land für Land, Stadt für Stadt haben die Bürgerrechtler in den vergangenen Jahren ähnliche Kampagnen gestartet, häufig mit Erfolg. Erst im November wurde in San Francisco beschlossen, allen Angestellten in der Stadt mindestens 8,50 Dollar pro Stunde zu zahlen. Ein Rekordbetrag.

Mindestlöhne gibt es in den USA seit 1912, als Massachusetts gegen ausbeuterische Arbeitsverhältnisse in "Sweatshops", gegen Kinderarbeit und Überstunden vorgehen wollte. Eine Fülle weiterer Staaten folgte dem Beispiel, und 1938 trat mit dem Fair Labor Standards Act (FLSA) eine bundesweite Regelung in Kraft. Es geschah unter lautstarkem Protest etlicher Politiker aus den Südstaaten, wo die Löhne traditionell niedriger sind. In welchen Abständen und um wie viel Geld der Mindestlohn erhöht wird, liegt im Ermessen der Kongressabgeordneten. Seither geben politische Stimmungen und die Launen der Konjunktur den Ausschlag.

In früheren Jahrzehnten - und vor allem unter demokratischen Kongressmehrheiten - wurde der bundesweite Mindestlohn alle ein bis zwei Jahre angehoben. Doch seit Beginn der achtziger Jahren ist er weit hinter der Preisentwicklung zurückgeblieben und hat etwa ein Viertel seiner Kaufkraft verloren. Schätzungsweise sieben Millionen Menschen verdienen heute den Mindestlohn oder unwesentlich mehr, rund sechs Prozent der Beschäftigten. In vielen Gegenden der USA wäre davon kaum eine Familie zu ernähren. Wohlfahrtsverbände und Sozialforschungsinstitute errechnen regelmäßig "minimal notwendige" Löhne, um Armut zu vermeiden - und kommen je nach Region und Methodik auf 8 bis 14 Dollar.

So haben etliche Staaten, Städte und Kreise inzwischen eigene Standards festgesetzt. Meist auf Druck von Aktivisten wie ACORN, und in den vergangenen Jahren hat die Entwicklung an Fahrt gewonnen – nicht zuletzt wegen des Wirtschaftsbooms der späten neunziger Jahre. Für viele Billigjobber ist der Mindestlohn indes nicht die einzige Einkommensquelle. Der amerikanische Staat hilft armen Familien mit dem so genannten Earned Income Tax Credit (EITC), einer Art negativer Einkommenssteuer, und einigen Formen der Sozialhilfe wie zum Beispiel Essensmarken.

Dass ein höherer Mindestlohn bei der Armutsbekämpfung hilft, gilt für die USA inzwischen als bewiesen. Ein altes Argument der Kritiker, nach dem die meisten Billigjobber Teenager aus Familien der Mittelschichten seien, ist falsch. Studien zum Ende der neunziger Jahre ergaben, dass ein durchschnittlicher Niedriglohnarbeiter mehr als die Hälfte des Einkommens seiner Familie beisteuert. Knapp die Hälfte aller Niedriglohnarbeiter arbeiten Vollzeit, ein weiteres Drittel 20 bis 34 Stunden pro Woche. Jared Bernstein vom Arbeitsforschungsinistitut EPI in Washington vermutet außerdem: "Weil die Wohlfahrtsreformen mehr Familien dazu zwingen, von Niedriglöhnen zu leben, dürfte eine Erhöhung des Mindestlohns heute einen größeren Einfluss denn je auf die Reduzierung von Armut haben."