Tiszavasvári

Die Wolken schwimmen in der Glut der untergehenden Sonne. Gnädig färbt der Abend das von Fetzen übersäte Land. Wirft roten Schimmer über die Baumwollfelder, Papierfelder, Plastikfelder, über den ganzen flächendeckenden Unrat. Irgendwo in der Kolonie aus winzigen, bröckelnden Steinhäusern steigen dunkle Rauchschwaden hoch. Ziehen wie schwarze Vögel vorbei am Rest des Sonnenballs.

Dazwischen leben Menschen, leben schlecht und schwer. Und denken nicht daran, den eigenen Müll, die selbst geschaffene Deponie zu entsorgen. Frauen in bunten Volkstrachtflicken pressen ihre Kinder mit abgewinkelten Unterarmen auf halber Höhe an die Körper. Männer kommen mit bloßen Brotlaiben unter den Achselhöhlen nach Hause. Sie leben nach der Weise der Väter, die sich aus Zeit und Zivilisation absetzten. Die außerhalb der Geschichte lebten, weil sie seit ihrer Ankunft in Europa vor tausend Jahren nur Misshandlungen und Pogrome erlitten, die grundlegenden Menschenrechte verloren.

Sie leben hier noch besser als viele der anderen sechs Millionen Roma in Ostmitteleuropa, die 1100 Bewohner des Ortsteils Szentmihály in Tiszavasvári. Unter den 14000 Einwohnern der armen Stadt in Nordostungarn gibt es keine Neonazis, die heute fast überall in Osteuropa die brutalsten Quälgeister der Roma sind. Die Siedler von Szentmihály im Süden der Stadt könnten sogar in der Kommunalpolitik mitwirken – über die Roma-Selbstverwaltung, die Bürgermeister József Sulyok engagiert unterstützt.

Doch sie kapseln sich ab. Wollen nicht einmal Roma genannt sein. Scheren sich nicht drum, was in Westeuropa als politisch korrekt gilt. Sie sind und sie bleiben die Oláh-Cigány. Niemand weiß hier mehr, in welchem Jahrhundert sie herübergekommen sind aus Rumänien, wo die Roma bis 1864 versklavt waren. In der sozialistischen Zeit arbeiteten viele Oláh von Szentmihály auf der großen LPG. Sie stellten, wie die Roma überall in Osteuropa, die unentbehrlichen Hilfs- und Saisonarbeiter. Nach 1989, als schon bald keine Tierfarmen oder unrentablen Stahlwerke mehr auszufegen waren, wurden sie zu den größten Verlierern der Wende.

In Szentmihály haben sie früher die Löhne verfeiert, wie sie kamen. Jetzt fehlt ihnen selbst das Holz zum Feuern. Viele leben ohne Stühle, Tische, Bettwäsche. Geldwucherer in den eigenen Reihen bedrohen sie. Die Siedlung hatte ihnen einst der Staat hingesetzt, als die Partei noch alle gleichmachen und die Roma aus ihren Lehmhütten herausholen wollte. In die so genannten CS-Häuser (nach der ungarischen Abkürzung für minderwertige Qualität) mit einem Zimmer, Küche, ohne Bad zogen zumeist mehrere Oláh-Familien ein. Um die Häuser kümmerten sie sich schon in besseren Zeiten kaum. Längst verfallen die Gebäude. In manchen hängen Planen oder Decken anstelle der Fensterscheiben.

Nur wenige in der Siedlung werden älter als 70 Jahre. Fast überall in Ostmitteleuropa verkürzen Kindersterblichkeit, Meningitis, TBC, Hepatitis, und andere Epidemien die Lebenserwartung der Roma um 15 Jahre, gemessen an der jeweiligen Bevölkerungsmehrheit. Ginge es nach Gesundheitsstandards, Ernährungsmängeln, Analphabetentum und Kleinkriminalität, gäbe es die Roma nirgendwo in Europa, sondern irgendwo in Afrika.

Kinder sind das Einzige, was sie haben. Viele Familien leben vor allem vom Kindergeld. In der Slowakei, wo über 90 Prozent der Roma keine Arbeit mehr finden, stürmten und plünderten sie Ende Februar Ämter und Supermärkte. Die dortige Regierung hat die Familienbeihilfen vom 1. März an drastisch gekürzt, auf 206 Euro maximal – unabhängig von der Kinderzahl. Die Roma drohen jetzt mit dem Exodus in andere Länder, sobald die Slowakei am 1. Mai der Europäischen Union beigetreten sein werde.