Wie man in Deutschland träumt, lässt sich aus einem simplen Grund nicht sagen: weil Menschen von ihren eigenen Träumen sehr wenig wissen. Alle zwar träumen, und das während des ganzen Schlafs, die "szenischsten" Träume aber in den REM-Phasen. Wenn jeder Fünfte meint, er träume nie, so hat er nur alle seine Träume vergessen. Die meisten Träume vergisst man. Es ist wohl eine Sicherheitsvorkehrung unserer Natur, die verhindern soll, dass die Schäume der Träume in unsere Tagwirklichkeit hinüberschwappen. Die Träume, an die man sich erinnert, sind die, die dieser Auslöschung entgangen sind, zumeist die gefühlsstarken und lebhaften der letzten REM-Phase gegen Morgen, aus der man nicht zu langsam und nicht zu schnell aufgewacht ist, nämlich so, dass man Gelegenheit hatte, den letzten Traum mit dem Wachbewusstsein zu rekapitulieren. Diese Rekapitulation ist natürlich eine Rekonstruktion. Was man in Erinnerung behält, um davon berichten zu können, sind nicht die Träume selbst, sondern ihre nachträglichen Rekonstruktionen. Traumberichte sind darum grundsätzlich unzuverlässig.

Unter diesen Umständen kann man nicht wissen, was die Menschen träumen. Es ist erstaunlich, dass man dennoch wenigstens weiß, wovon in Deutschland geträumt wird. Das Allensbacher Institut hat seit 1956 mehrmals danach gefragt. Am häufigsten: von der Arbeit, vom Beruf (34 Prozent). Dann von Reisen (27), von Verstorbenen (22), vom Laufenwollen und nicht -können (22), von viel Geld (19), vom Fallen (15), vom Fliegen (10), vom eigenen Tod (9). Träume von der Arbeit und vom Reisen sind seit den fünfziger Jahren deutlich häufiger geworden, am häufigsten in den neuen Bundesländern (36 und 22), Träume vom Krieg seltener (6 Prozent – 1954 waren es noch 15). Mit zunehmendem Alter verschieben sich die Themen: Träume von der Arbeit, vom Reisen, vom Geld, von der Levitation werden seltener, die vom Tod und vom Hinfallen häufiger.

Diese Umfragen bestätigen, was auch die wenigen wissenschaftlichen Traumuntersuchungen ergeben haben: Träume sind normalerweise eine surreale Fortsetzung des ordinären wachen Erlebens und viel weniger sensationell und visionär, als manche meinen. Im Großen und Ganzen handeln sie von dem, was einen auch im Alltag beschäftigt. Sie stoßen nicht das Tor zu ganz anderen Welten auf.

Ist das neu? Ist das in anderen Ländern anders? Die erste und immer noch größte wissenschaftliche Untersuchung von Traumberichten ist eine amerikanische aus den Jahren 1948 bis 1952, von C. S. Hall und R. L. Van de Castle, die 1000 Träume auswertete. Über 40 Jahre später haben europäische Traumforscher sie systematisch mit den Sammlungen aus ihren Schlaflabors verglichen, zuletzt Michael Schredl in Mannheim. Das Ergebnis: Träume scheinen sich über die Zeiten und über Grenzen hinweg verblüffend ähnlich zu bleiben. Die einzigen nennenswerten Abweichungen waren, dass in den von Schredl gesammelten Studententräumen bei Männern Gewalt etwas häufiger vorkam als in den amerikanischen der Jahrhundertmitte, wesentlich häufiger als in neueren niederländischen und Schweizer Träumen – und dass zwar beide Geschlechter in Amerika wie in Deutschland damals wie heute mehr von Männern als von Frauen träumten, heutige deutsche Männer jedoch weniger und deutsche Frauen häufiger von Männern träumen als die Amerikaner damals. Auch das ist wahrscheinlich nur ein Reflex der Alltagswirklichkeit: Im Beruf finden heute mehr Kontakte mit dem anderen Geschlecht statt als um die Jahrhundertmitte, das spiegelt sich in den Träumen. Entgegen einem allgemeinen Verdacht fanden Hall und Van de Castle übrigens nicht einmal in jedem zehnten Traum sexuelle Inhalte.

In Deutschland, so scheint es, wird also nicht viel anders geträumt als anderswo, und was sich in den Träumen der Deutschen findet, ist nur ein Zerrbild ihres Alltags.