Rockville, Maryland

Am Ende geht alles rasend schnell. So schnell, wie nur ein Traum wahr werden kann. Seit fast einem Jahrzehnt will James Packard seinen Lebenspartner heiraten. Allein, er darf nicht, jedenfalls nicht in den Vereinigten Staaten. Dort ist die Ehe vor Gott und dem Gesetz heilig, zu schließen nur zwischen Mann und Frau. Plötzlich sieht Packard im Fernsehen Unglaubliches: In San Francisco beginnen sie, Homosexuelle zu trauen. Vor dem Rathaus bildet sich eine Schlange. "Erwin", ruft Packard durchs Haus, "schau dir das an. Da müssen wir hin. Sofort."

Packard ist Ende dreißig und Makler. Er kauft bei Zwangsversteigerungen in Maryland Häuser auf. Wer da nicht bullig ist und schnell entscheidet, verliert. Aber nun muss er Erwin rumkriegen. Der ist eine Primadonna, "meine kleine Prinzessin", wie Packard sagt. Und prompt: Erwin will nicht. Keine Zeit. Hat am folgenden Tag Kunden. Menschen, die ihr Gesicht nur von Erwin berühren lassen. Erwin Gomez ist Washingtons renommiertester Visagist. Der Mann für die Fernsehstars, die Diplomaten, die Politiker. Seine Augenbrauenkunst genießt Weltruhm. So einfach kann er nicht wegbleiben. Doch Packard insistiert. Und argumentiert: Die Gerichte würden die Schwulenehe bald unterbinden; der Präsident wolle sogar die Verfassung geändert sehen. Deshalb: "Erwin, wir fahren."

Nachts um eins landet die Maschine in San Francisco. Noch auf dem Flughafen kauft James seinem Erwin Blumen, aus dem Automaten. Jeden Bankomaten steuert James an, um so viel Geld abzuheben wie möglich. Wer weiß, wen man bestechen muss, um in der Schlange voranzukommen, solange es noch Trauscheine gibt. Eigentlich sind James und Erwin längst Mann und Mann. Vor sechs Jahren haben sie schon einmal geheiratet, in Amsterdam, dem Paradies für schwule Amerikaner. Doch die Urkunde gilt zu Hause bis heute nichts: keine gemeinsame Steuererklärung, keine Erbrechte und Haftungspflichten. Erst im Jahre 2000 führte Vermont als erster Bundesstaat die "gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft" ein. Erst im vergangenen Jahr beseitigte das Verfassungsgericht die Reste der Kriminalisierung von Homosexualität. Vor drei Monaten erklärte erstmals das oberste Gericht eines Bundesstaates, das von Massachusetts, auch die schwule Ehe sei verfassungskonform. "Ach wäre Amerika doch ein bisschen wie die Niederlande", schwärmt Erwin und berichtet von der Bootstour durch die Grachten, als der Kapitän die Frischvermählten hochleben ließ und alle Menschen klatschten. "Die Leute fanden unsere Hochzeit ganz normal, wir konnten Händchen halten und uns küssen." Zu Hause würden sie das nicht tun oder jedenfalls nur in den Schwulen-Oasen der Städte, rund um Washingtons Dupont Circle, in Manhattan, Miami Beach, West Hollywood oder San Francisco. Das sind Ghettos und zugleich Orte der Befreiung – Symbole für die Spaltung des Landes in zwei Wertewelten.

Es geht um 4 Millionen Stimmen

Nachts um zwei finden die beiden das Rathaus von San Francisco. James, der Bodenständige, richtet sich auf den Stufen zur Nacht ein. Er hat Platz neun in der Schlange erobert. Erwin, die Prinzessin, darf ins Hotel und vergisst am Morgen vor lauter Aufregung das Frühstück für James. So wird auf nüchternen Magen geheiratet, in Jeans und Burbury-Mantel, dafür unter der grandiosen Rotunde des Rathauses. Erwin fühlt sich "wie Mrs. Amerika" und spricht von "Vorsehung". James sieht den Bürgermeister vorbeigehen und ruft ihm zu: "Ein Foto bitte!"

Dieser Gavin Newsom, 36 Jahre jung, heterosexuell, ziemlich reich und ziemlich liberal, wird als Amerikas Ehe-Revoluzzer in die Geschichte eingehen. Kaum ins Amt gewählt, hat er angeordnet, die Formulare für Eheschließungen umzuformulieren. Und zwar so, dass sie das kalifornische Verfassungsprinzip widerspiegeln, wonach keinem "der Schutz des Gesetzes verwehrt" werden dürfe. Das andere Prinzip, wonach eine Ehe in Kalifornien allein zwischen Mann und Frau geschlossen werden darf, muss der Bürgermeister überlesen haben. Amerikas Linken gilt Newsom daher als Provokateur, der die letzte Front der Bürgerrechtsbewegung eröffnet hat. Nach dem Kampf um Gleichstellung der Schwarzen und der Frauen nun die Schlacht ums Recht auf das Ja-Wort. Als Packard und Gomez ihr persönliches Gefecht gewonnen haben, huldigen sie vor dem Rathaus dem Feldherrn. Und schwören ihm Treue. Sie wollen, versprechen sie Newsom, "den Kampf um Anerkennung bis nach Washington tragen".

Dazu werden die beiden reichlich Gelegenheit haben. Zurück in Maryland, im Wohnzimmer noch umstellt von Blumengeschenken, sehen sie im Fernsehen eine Ansprache des Präsidenten. George Bush wirft Ansehen und Macht seines Amtes hinter eine Initiative zur Verfassungsänderung. Damit würden nicht mehr die Staaten, sondern der Bund über Grundsätze des Eherechts entscheiden. Die Ehe wäre eine heterosexuelle Exklusivgemeinschaft. Doch Bush möchte nicht nur Schwulenehen verhindern. Er wird zum Motor eines Rollbacks. Nicht mal Vermonts civil unions würden nach seinem Vorschlag anerkannt. Damit macht er sich das Programm der religiösen Rechten zu Eigen. Der gilt die Ehe als Sakrament und Homosexualität als Sünde. Die Befürworter der Änderung, etwa James Dobson von der Gruppe Focus on the Family, sehen in der Schwulenehe "das Ende der Familie". Die Tür "für Polygamie und Gruppenehe" werde geöffnet.