An allen Ecken und Enden scheint das Eis zu brennen. Hier und da knackt es bereits bedrohlich in den Eisblöcken, aber die Mitarbeiter des chinesischen Performance-Künstlers Cai Guo-Qiang pumpen unermüdlich Wodka in die in Flammen stehende Landschaft aus Eis und Schnee der Architektin Zaha Hadid. Streicheln und glätten sollen die blauen Flammen das kalte Bauwerk, die harten Formen weicher machen, stattdessen fügt die Feuerperformance Hadids Eislandschaft erheblichen Schaden zu. Cai Guo-Qiangs Spiel mit dem Feuer eröffnete die SnowShow, eine einmalige Ausstellung, die der New Yorker Kurator Lance Fung in Kemi und Rovaniemi in Finnisch-Lappland kreiert hat.

Fast alle Straßen enden irgendwo am Ufer

Renommierte Künstler und Architekten aus aller Welt konnte der quirlige Amerikaner dafür gewinnen. Fung verkuppelte jeweils einen Künstler mit einem Architekten oder einem Architektenbüro und beauftragte sie, gemeinsam ein Objekt aus Schnee oder Eis zu entwerfen. Kaum einer der Teilnehmer hatte Erfahrung mit dem unberechenbaren Baumaterial, ihren Partner kannten die meisten Akteure ebenfalls nicht. Fung ließ den Teams nahezu alle Freiheiten, allerdings sollte das Bauwerk zu mindestens 80 Prozent aus Wasser in gefrorener Form bestehen sowie acht Meter Höhe und 80 Quadratmeter Grundfläche nicht überschreiten. Herausgekommen sind 17 Werke, teils mutige, teils witzige und nachdenklich stimmende.

Kemi liegt am nördlichen Ende des Bottnischen Meerbusens und ist mit seinen 23000 Einwohnern in Finnland bereits eine mittelgroße Stadt. Industrie bestimmt die Region. Papierunternehmen, eine Chromit-Mine, ein Stahlwerk. Das Stadtzentrum mit seinem rechtwinkeligen Straßennetz liegt auf einer kleinen Halbinsel, zu Fuß ist es schnell abzumessen. Fast alle Straßen enden irgendwo am Ufer, und in diesen kalten Wintermonaten überziehen Eis- und Schneedecken das Meer. Es ist schwer auszumachen, wo das Land endet und das Wasser beginnt. Nach Kemi kommt man, um mit dem Passagier-Eisbrecher Sampo rauszufahren, Höhepunkt des Ausflugs ist ein Bad im Eiswasser, natürlich im Thermoanzug. Man kommt wegen des Eisschlosses, das hier jedes Jahr errichtet wird, komplett mit Kapelle und einer Bar, an der man den Wodka aus Eisbechern trinkt. Und man schläft in spartanisch eingerichteten Zimmern mit Schlafsäcken auf Eisbetten. Eine Reportage über dieses Eisschloss brachte Fung auf die Idee der SnowShow.

Während in Rovaniemi die Kunstwerke am Ufer des Flusses Kemijoki hintereinander aufgereiht stehen und man gemütlich vom einen zum anderen schlendert, stehen sie in Kemi scheinbar willkürlich verstreut in der kleinen baumlosen Grünanlage am Wasser. Hier stapft der Besucher durch den tiefen Schnee und nähert sich ihnen auf eigenen Pfaden, so wie Kinder auf Entdeckungstour. Das griechische Architektenteam Anamorphosis entwarf gemeinsam mit der in London lebenden Künstlerin Eva Rothschild ein Amphitheater aus Eis und Schnee. Überdimensionale Eissplitter scheinen die Stufen hinunterzustürzen. "Unser archaisches Theater belebt die Landschaft ebenso wie Schnee", sagt Nikos Georgiadis von Anamorphosis.

Vom Prozess des Gefrierens waren das New Yorker Architektenteam Lot/ek und der thailändische Künstler Top Changtrakul fasziniert. Weder die beiden Architekten Giuseppe Lignano und Alda Tolla noch ihr Partner besaßen die geringste Erfahrung mit Schneekonstruktionen, daher war das Bauen mit Flüssigkeit für sie eine besondere Herausforderung. "Ich versuchte den Eiswürfel aus dem Gefrierfach im Kopf zu multiplizieren, um eine Idee zu bekommen", sagt Lignano. Ein aussichtsloses Unterfangen, denn die Künstler wollten keine Eisblöcke aufeinander stapeln, sondern zwei rote meterlange parallele Eismauern aus einem Stück schaffen. Lignano sagt: "Wir wollten den Entstehungsprozess deutlich zeigen." Daher ließen sie einige Schalungen am Ende der Mauern stehen, die übrigen wurden parallel zwischen den Eismauern aufgestellt und bilden dort schmale Durchgänge. "Lebhaft" nennt Lignanos Kollegin Alda Tolla die Zusammenarbeit mit Changtrakul – und untertreibt dabei schamlos. "Giuseppe ist immer drei Schritte voraus, Alda führt einen direkt von A nach B, und ich gehe von A zu C über F und G und komme dann vielleicht auch mal bei B an", sagt Changtrakul, um die unterschiedlichen Charaktere im Team zu beschreiben.

Tausende Liter Mineralwasser wurden in die Löcher geschüttet

Erschwert wurde die Zusammenarbeit durch die räumliche Distanz der Teams, oft wurde eine Idee erst geboren, nachdem die Teilnehmer sich getroffen hatten. "Es war ein aufreibender Prozess", erklärt der amerikanische Künstler John Roloff, der sich seit Jahren mit natürlichen Systemen befasst. Roloff wurde durch seine Außeninstallationen bekannt, seine Arbeiten waren auch im Whitney Museum of American Art und auf der Biennale in Venedig zu sehen. "Unser Projekt wurde oft verändert, weil wir nicht wussten, was wir sagen wollten." Erst aus der intensiven Beschäftigung mit dem Baumaterial Eis und Schnee sei die Idee entstanden, den Kreislauf des Wassers zu thematisieren. Dazu ließen Roloff und das Büro Diller + Scofidio 81 rechteckige Eisblöcke aus dem Meer schneiden und mehrere tausend Liter Mineralwasser aus den entlegensten Ländern der Erde in die Löcher schütten.