Wenn George Bush oder Tony Blair eine Frage an Kofi Annan haben, dann, sollte man meinen, könnten sie ihn doch einfach anrufen. Was also sollte die kompromittierende Abhörerei? Der UN-Generalsekretär hat schließlich vor dem Irak-Krieg kein Geheimnis aus seinen Überzeugungen gemacht. Aber genau das dürfte Bush und Blair bewegt haben, die Lauscher zu spitzen.

Aus Annans Sicht war nicht nur eine Invasion des Iraks ohne UN-Votum, sondern die gesamte US-Präventionsstrategie von Übel. Das alles, so schimpfte er, folge einem "Gesetz des Dschungels". Ein solcher – aus Washingtoner Sicht – friedensvernarrter UN-Chef schickt nun einen nicht weniger sanftmütigen Hans Blix los, um die Bedrohung durch den Irak zu bewerten. Hatten da die Kriegsbefürworter nicht Grund zur Sorge, die Kriegsgegner könnten die Berichte über Massenvernichtungswaffen in ihrem Sinne manipulieren? Was, wenn Annan, Blix & Co. die Informationen eben nicht aufbauschen, sondern am Ende sogar abmildern? Das jedenfalls mögen Bush und Blair gefürchtet haben, getreu dem Motto: Was ich denk und tu, trau ich auch dem andern zu.

Amerika, Großbritannien und die übrigen Siegermächte des Zweiten Weltkrieges unterhalten gemeinsam ein leistungsfähiges Netzwerk, um genauer hinzuhören. Im so genannten Echelon-System herrscht geostrategische Arbeitsteilung: Jeder Mitgliedstaat lauscht dort, wo er es am besten kann. So verfügt England über eine eigene Downlink-Station für Kommunikationssatelliten in Menwith Hill. Was dort aus dem Orbit ankommt, läuft durch die Filter der Nachrichtendienste. Das erklärt, warum die Amerikaner die britischen Abhörspezialisten um Hilfe baten.

Freilich zeigen sich die Diplomaten in New York nicht überrascht von der Affäre. Längst ist ihnen klar, dass ihre Büros nicht für Vertraulichkeiten taugen. Doch dass aus den Lauschangriffen Routine geworden ist, macht sie nicht besser. Denn der diplomatische Schaden, den Wanzen anrichten, ist größer als ihr politischer Nutzen. Das mag schon anders und eine Verletzung der Wiener Konvention (sie schützt den diplomatischen Verkehr) bisweilen sogar gerechtfertigt gewesen sein. Im Abhörfall Annan aber ging es – anders bei Chruschtschow oder Breschnew – weniger darum, die nukleare Vernichtung der gesamten Menschheit zu verhindern. Nein, es ging um eine läppische UN-Resolution, die Bush und Blair ohnehin verzichtbar schien.