Diego Torres hat schon viele unschöne Dinge gesehen, denn er ist der FC-Bayern-Spezialist der spanischen Zeitung El País. Doch was er in den späten Abendstunden des 24. Februar 2004 im Münchener Olympiastadion erlebte, ließ selbst ihn in einen neuen Abgrund starren. Torres gewahrte ein Ereignis von fußballhistorischen Ausmaßen, Kahns Fehlgriff nach fabelhaftem Bayern-Spiel, statt 1: 0 stand’s plötzlich 1 : 1. "Es war der wohl endgültige Untergang des letzten deutschen Fußballmythos", sagt Torres.

Keine Kleinigkeit, umso mehr, als der Mythos vom großen, unbezwingbaren deutschen Torwart direkt ins Herz des mythischen Duells von Real Madrid gegen Bayern München führt. Seit Real existiert, haben zahllose Clubs um die Verachtung der Königlichen gebuhlt. Doch ist sie weltweit nur drei Vereinen ehrlich vergönnt. Abweichend von den im Ursprung lokal bedingten Antipathien gegen Atlético Madrid und den CF Barcelona, hat sich der FC Bayern seinen Ehrenplatz mit rein spielerischen Mitteln erworben oder, präziser, mit deren Abwesenheit. Nach annähernd 30 Jahren geteilter Europapokal-Geschichte stehen die Münchner im sorgsam gepflegten Wertekosmos des Madridismo für alles, was sehenswerten, raffinierten Kombinationsfußball mit System zugrunde richtet. Sie sind das schlechthin Andere eines Vereins, dessen Selbstverständnis darauf basiert, nur an sich selbst oder allenfalls an widernatürlichen, fußballfeindlichen Mächten scheitern zu können. Mächten wie dem Europäischen Verband Uefa, dem Schnee, der Kälte, den Schiedsrichtern, unsagbarem Glück, gewaltbereiten Grobmotorikern oder, in einer Figur verdichtet: dem FC Bayern München.

Vor diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass seit Beginn dieser Unglücksbeziehung eine Figur im Zentrum des spanischen Beschreibungsinteresses steht, deren Funktion rein destruktiv bestimmt ist und die sich ferner geradezu dadurch auszeichnet, keinen Fußball spielen zu können: der Torwart. Von Sepp Maier über Jean-Marie Pfaff bis zu Oliver Kahn zieht sich eine weiße Leidenslinie. Und gestand man der legendären "Mittelachse Maier-Beckenbauer-Müller" von 1976 noch gewisse fußballerische Grundfertigkeiten zu, so gewinnen die Bayern mit den Duellen der Jahre 1987 und 1988 ihr wahres Profil und werden zu dem, was sie heute in Spanien sind: die Pest (bestia negra).

Es waren in der Tat legendäre Aufeinandertreffen, Duelle von der Art, wie sie eine ganze Generation prägungsanfälliger Jugendlicher in die Welt des Fußballs einweisen. Gleich im Hinspiel – ein mit Butrageño, Hugo Sánchez, Míchel und Sanchís gespicktes Real lag in München nach 35. Minuten 3:0 zurück – brannten dem impulsiven Real-Star Juanito "nach einem brutalen Foul von Matthäus die Sicherungen durch. Juanito stürmte auf den Deutschen zu, der sich nach einer Attacke von Chendo bereits auf dem Boden wälzte, und trat auf ihn ein"*. Rot, wie später für Verteidiger Mino. Nach dem 4:1-"Massaker von München" ruhten die spanischen Hoffnungen, einer Sprachprägung des Ex-Real-Stürmers und Aphoristen Jorge Valdano folgend, damit ganz auf "el miedo escénico del Bernabéu" , auf dem magischen Wirken der "Angstkulisse Bernabéu-Stadion".

Nach früher Führung sowie einem anschließenden Feldverweis von Augenthaler, der "wie ein Anfänger auf eine Provokation von Hugo Sánchez einging", schien tatsächlich "alles nach Plan zu laufen". Wäre nicht Torhüter Pfaff gewesen. Von der Fankurve der Ultra Sur "mit Eisenstangen, Knüppeln, Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen", verhielt es sich schlicht so, dass ein Jean-Marie Pfaff, wie er den königlich erbleichten Reportern nach Spielschluss in den Block diktierte, "persönlich nicht weiß, was Angst ist". Die spanische Überschrift nach dem unbefriedigenden 1:0 las sich dementsprechend: "Pfaff schockiert die Angstkulisse." Von Maier vorbereitet, wird mit der "außergewöhnlichen Leistung Pfaffs" der Torwart endgültig zur "emblematischen Figur der Bayern" (Javier Marías). Kaum zu bezwingen, furchtlos und durchaus unsympathisch, wagt er es gar, die tabufreien Fans der Ultra Sur "mit obszönen Gesten zu provozieren."

Kaum zu bezwingen, furchtlos und unsympathisch – so der Mythos

Bereits das Folgejahr bot die Gelegenheit zur Revanche. Doch als Madrid nach 46 Minuten Münchner Schneegestöber erneut 3:0 in Rückstand lag, sah sich das Spiel vom "Schatten einer weiteren verheerenden Niederlage in deutschen Landen verdunkelt". Zwei späte Schelmenstreiche eröffneten indes erfreulichste Rückspielperspektiven; einer von Butrageño, der andere von Hugo Sánchez. Überhaupt, Hugo Sánchez. Keine Aufarbeitung des Mythos Real/Bayern wird ohne eine Würdigung seiner Privatfehde mit Pfaff auskommen. Das Pärchen stand nicht eben "für ein romantisches Fußballideal", und folgt man El País einen Schritt weiter, so war es niemand anderes als Mittelstürmer Hugo Sánchez, der seine Kollegen am Vorabend des Rückspiels in Madrid – die Hotels beider Mannschaften mussten wegen Bombendrohungen wiederholt geräumt werden – zu einem Kinobesuch anregte. Die "Königlichen" wählten den Gewaltstreifen Robocop . "Als die Spieler das Kino verließen, war die Anweisung klar. Gegen die Bayern gilt es, ein Robocop zu sein. Die Geschichte der beiden ist überlagert von Spannungen, Ellbogenchecks und Tritten ins Gesicht. Unter diesen Umständen wäre es reiner Selbstmord, mit einem Sträußchen Blumen in der Hand aufzulaufen."

Erwartungsgemäß kam es zu "einer Begegnung am Rande des Reglements, dessen überhitzte zweite Halbzeit von den Beteiligten vor allem dazu genutzt wurde, offene Rechungen zu begleichen". Allen voran Hugo Sánchez. Mit einem Sprung, "der nur ein wenig kürzer war als der eines Edelmannes, hinterließ Hugo einen Stollenabdruck auf dem Oberkörper von Pfaff, womit es ihm gelang, die grimmige Gesinnung der Deutschen auf ein einziges Ziel zu konzentrieren: Fortan wetteiferten Augenthaler, Eder und sogar Flick darum, dem Mexikaner eine Kugel in den Leib zu jagen. Die Partie endete deshalb wie ein Western… Bayern war in Hugos Falle getappt."