Wenn ein Gesetz oder eine Mode befehlen würde, dass die Jahre von nun an Namen tragen müssten statt Zahlen, das Jahr 1974 würde wohl Julia heißen. So verschwenderisch der Name mit Vokalen umgeht, so verschwenderisch fröhlich und bunt ist uns das Jahr in Erinnerung. 1974 war das Jahr der gewonnenen Fußballweltmeisterschaft, das Jahr von Tip und Tap, den Weltmeisterschaftsmaskottchen, die wie enge Freunde aneinander klebten und die bis heute als einzige Weltmeisterschaftsmaskottchen nicht vergessen sind. 1974 war fröhlicher als 1973, das als Jahr der öden, autofreien Sonntage im Gedächtnis blieb. Im Julia-Jahr hingegen erschien die Platte Autobahn von Kraftwerk, und Volkswagen baute den allerersten Golf. Und in der Erinnerung hießen alle Mädchen Julia.

Ein Ruck war durch Deutschland gegangen, ganz ohne Rede, und als der Ruck vorüber war, gab es lauter Erfindungen. Es scheint, als habe das Jahr 1974 alles Wichtige hervorgebracht, was es seither in Deutschland zu kaufen gibt, oder wenigstens fast alles: den Golf, Birkenstocks Zweiriemer-Sandalen, Playmobil, das Überraschungsei, das Cerankochfeld, die eckigen Linienbusse. Und aus dem Ausland, von so viel Erfolg angelockt, kamen Ikea zu uns, das Telespiel von Atari, der Taschenrechner und die erste Sofortbildkamera, aus der bunte Bilder kamen.

Die beiden Kanzler des Jahres, Brandt und Schmidt, hätten also alles Recht gehabt, das Jahr zum "Innovationsjahr" auszurufen. Aber das "Innovationsjahr" soll ja eine Erfindung des Jahres 2004 werden, und Gerhard Schröder will es Ende März ausrufen.

Doch wie finden "Innovation" und "Jahr" zusammen? Warum gelang damals, was heute erst noch gelingen soll? Oder kommt uns 1974 nur so fortschrittlich vor, weil die Firmen gerade jetzt, nach 30 Jahren, ihre Jubiläen feiern?

"Nein", sagt Silke Becker, die sich für iF Design, eine Produktdesignausstellung in Hannover, um die Geschichte der Innovationen kümmert. "1974 war ein Umbruchjahr. 1973 war noch gehemmt, aber 1974 hat man sich in Deutschland etwas getraut."

Bis dahin hatte sich Deutschland kaum darum gekümmert, wie die Dinge des Lebens aussahen. Selbst in der Mode sollte alles schön praktisch sein, Bügeleisen, Staubsauger, Autos erst recht. Wer sich damals einen neuen Wagen kaufen wollte, konnte zwischen kaum mehr als fünf Farben wählen. Zwar waren die Sechziger Jahre künstlerisch gesehen viel bunter als 1974, doch erst in diesem Jahr nahmen sich Großindustrie und Kleinverdiener der Farbe an.

1974 ging es den Deutschen ähnlich wie den Deutschen 2004. Nicht nur, dass sie auch damals gehäkelte Mützen trugen. Sie hatten Angst vor Terrorismus. Und der Kanzler, anfangs hieß er noch Brandt, verstand sich nicht mehr so gut mit der SPD. Die Fotografen fanden ihn voller Sorgenfalten, und unter ihren Bildern stand: "von Enttäuschung und Resignation gezeichnet". Das Benzin wurde teurer, der Preis für einen Liter Normalbenzin stieg von einem Januartag auf den anderen von 76 auf 86 Pfennige. Die Zahl der Arbeitslosen wuchs auf 582000, mehr als doppelt so viele wie 1973. Nie zuvor gab es so viele Pleiten in der Bundesrepublik. Die Deutschen gingen seltener ins Kino, und in Umfragen gaben sie an, ihre Toaster zur Not selbst zu reparieren. Geiz war geil.

Bei Volkswagen erzählen sie genau diese Geschichte. Erdöl war teuer, und die Menschen fragten sich, wie sie sparen könnten. Die Antwort war der Golf, schnörkellos spartanisch und beworben mit dem Slogan "Wie Sie es mit 5,5 Liter Normal 100 km weit bringen können".