Das Öl wurde teurer, das Spielzeug kleiner – heraus kam Playmobil

Sogar die ersten Playmobil-Männchen – Bauarbeiter, Ritter und Indianer – waren Krisenkinder. Kunststoff war 1974 wegen der Ölkrise sechsmal so teuer wie im Jahr zuvor, erinnert sich der damalige Vertriebsleiter der Firma Brandstätter in Zirndorf, Oswald Bayer, heute 67. So suchte die Firma nach einem Spielzeug, das weniger Plastik als Spieltelefone oder Kaufläden verlangte, und fand es in der Figur von 72,5 Millimetern Höhe und einem Halsdurchmesser von 8,6 Millimetern. Bis dahin hatten deutsche Kinder vor allem mit Bauklötzen und Lego gespielt. Spielfiguren, die Menschen darstellten, gab es nicht. Inzwischen haben sich weltweit 1,7 Milliarden Männchen verkauft.

Trotzdem war es nicht die Not allein, die 1974 erfinderisch machte. Wenn man das Designlexikon Deutschland aufblättert, steht dort für das Jahr 1974, als zweiter Eintrag gleich hinter dem Golf von Volkswagen: "Die bunte Verpackung von Ritter".

Vor genau 30 Jahren entschied Alfred Ritter II., seine Schokolade farbig einzupacken. Vollmilchschokolade blau, Nussschokolade grün und Marzipanschokolade rot. Bis zum Jahr 1974 war Schokolade in braunem oder durchsichtigem Cellophan oder in Alu eingewickelt. Die neue Farbenlehre von Ritter Sport hat sich nicht nur bis heute gehalten, sie hat auf die meisten Fabrikate abgefärbt. Sarotti und Schogetten gehorchen ihr, und sogar Milka, ansonsten in der farblichen Deutung von Schokolade eher eigenwillig, malt einen blauen Streifen auf das Markenlila. Seit 1974 denken wir, wenn wir an Vollmilchschokolade denken, an Blau, obgleich weder die Milch noch die Schokobohnen blau sind. So etwas nennt man wohl eine Innovation.

Leider kann man Alfred Ritter II. nicht mehr dazu befragen. Gleich nach seiner Farbenwahl ist er gestorben, am 28. Oktober 1974. In seiner Firma aber weiß man noch, dass Ritters Idee damals umstritten war. So unpopulär war die Farbe, dass Ritter II., nachdem er seinen Entschluss bekannt gegeben hatte, allein zum Mittagessen schritt. In einem Interview kurz vor seinem Tod erklärte er noch, wieso er sich so entschieden hatte: Weil das Fernsehen und die Werbung bunt werde, müsse auch die Schokolade mithalten.

Doch nicht nur das Fernsehen und die Ölkrise machten 1974 zu einem Innovationsjahr, wie es der Kanzler heute gern hätte. Die Bundesrepublik war damals noch das Land der unbegrenzten Ingenieurfreiheiten. Die Platte aus Glaskeramik etwa, genannt Ceranfeld, die heute vier von fünf neuen Elektroherden zum Glühen bringt, sollte 1974 keineswegs Energie sparen oder gleich die Erde retten. Sie hat sogar eher mehr Strom verbraucht als weniger. "Es war so eine verrückte Idee", sagt Herwig Scheidler, heute 64, der damals zu den fünf Ingenieuren der Firma Schott gehörte, die das Ceranfeld erfanden. Scheidlers Chefs hatten die Keramikkochfläche bereits aufgegeben, bevor sie überhaupt fertig erfunden war: zu teuer die Forschung und Produktion, verrückt auch deshalb, weil ein Herd mit Ceranfeldern fünfmal so teuer werden würde wie das Standardmodell mit Kochplatten aus Stahlguss. Die Idee war in dem Unternehmen so unbeliebt, "wir hätten uns Freunde gemacht, wenn wir damit einfach aufgehört hätten", sagt Scheidler. Die Ingenieure forschten weiter, gaben sich der Lust hin, Neues zu erschaffen, ohne dass dies einen technischen Sinn hatte – aber die Platte sah schöner aus, und sie war ein bisschen leichter zu reinigen als die Platte aus Stahl. Die Ingenieure von Schott waren Designer, ohne es zu ahnen. "Ich überlege mir heute oft: Warum war ich so verbissen? Aber ich habe nie eine Antwort gefunden. Vielleicht ist es so, dass man sich irgendwann in die Idee verliebt um der Idee willen."

Die Erfinder erfanden und provozierten damit. Sie haben, lange bevor es Profit gab, vom Widerstand gezehrt. Scheidler ist sich sicher, dass aus dem Ceranfeld nie etwas geworden wäre, hätte es damals schon ein so genanntes Innovations-Management gegeben, das heute jede technische Idee durch Marktanalysen, Quervergleiche und Netzplantechniken überprüft. Heute ist die Marke Ceran in unseren Wortschatz übergegangen, so wie Tempo oder Labello.