Genau wie das Cerankochfeld haben sich die Neuerungen des Jahres 1974 einen Platz in unserem Leben erhalten. Anders als afri-cola, Pril-Blumen, Eve-Zigaretten, allesamt Kinder der späten Sechziger oder frühen Siebziger, mussten die Produkte des Jahres 1974 nie auf Retrowellen warten, die sie wieder ins Gedächtnis spülten. Die 74er brauchten nie wieder aufzutauchen. Sie waren immer da.

Es scheint, als habe sich die Bundesrepublik 1974, in ihrem 25. Lebensjahr, ein einziges Mal eingerichtet und sei dieser Einrichtung seither treu geblieben. So wie es viele Menschen halten, die ihren Geschmack, so lange sie jung sind, einmal entwickeln und dann nie wieder ändern. Einmal Ikea, immer Ikea.

Anruf bei Tomas Larson, heute 57, einer der ersten Männer, die nach Bayern kamen, nach Eching bei München, um Deutschland Ikea beizubringen. Larson begann, Holzstühle, Regale und Sessel zu verkaufen. Bis dahin kaufte Deutschland Möbel zimmerweise: ein Wohnzimmer, ein Esszimmer, ein Kinderzimmer. Die Ikea-Leute duzten sich untereinander, und sie forderten auch ihre Kundschaft auf, sich duzen zu lassen: "Fass Dir ein Herz und sag Du". Den Spruch kennt Larson, der inzwischen wieder in Schweden wohnt, drei Jahrzehnte später noch auswendig. "Vielleicht haben wir schon ein bisschen geholfen, Deutschland zu verändern", sagt er dann ganz vorsichtig, und es klingt, als fände er seine These schon ein bisschen zu gewagt.

Zwar brachten auch die folgenden Jahre Neues. Aber sie haben unser Leben nicht mehr so berührt wie etwa Ikea. "Wir fahren zu Ikea" ist Familienprogramm wie "Oma hat Geburtstag". Nach 1974 kamen der Walkman, der Commodore 64, es kamen Telefonkarten, Pocket-Kameras und die ersten Telefone ohne Schnur, doch sie alle verstauben längst in unseren Regalen, Marke Ivar.

Was 1974 entstand, gibt es noch heute – zum Beispiel den eckigen Linienbus

Herbert Lindinger, Professor für Produktgestaltung in Hannover, hat sich mit der Frage beschäftigt, warum manche Produkte länger bleiben als andere. "Wenn die Gegenstände sich für ihre Zeit ästhetisch und technisch weit vom Gewöhnlichen unterscheiden, neigen wir dazu, sie uns intensiver anzueignen. Wir entwickeln eine Nähe zu ihnen, behalten und nutzen sie selbst dann noch, wenn das Umfeld technisch schon weiter gegangen ist", sagt er. Vielleicht hat sich der Professor deshalb so viel Mühe mit dieser Theorie gemacht, weil er selbst einen solchen Klassiker geschaffen hat.

Lindinger hat 1974 einen Bus entworfen, im Auftrag der Hamburger Hochbahn, den so genannten Standardlinienbus. Bis 1974 hatten Busse ein rundes Dach, die Insassen fühlten sich beengt, und der Fahrer, ohne jeden Schutz in erster Reihe sitzend, wurde von Schulkindern bedrängt. Lindingers Bus war zum ersten Mal kantig wie ein Schuhkarton, der Fahrer saß in einer Kabine aus Plexiglas, und um einzusteigen, musste man keine Stufen mehr überwinden. MAN und Neoplan haben den Bus gebaut, der Standardlinienbus ist, schätzt Lindinger, der meistgebaute Omnibus der Welt – sein Gesicht ist uns vertraut.